Zürich

Jahrhunderte vor dem Corona-Virus: Als die Pest in Zürich wütete

Bestattung von Pesttoten auf dem Kirchhof des Grossmünsters in Zürich anno 1582.

Bestattung von Pesttoten auf dem Kirchhof des Grossmünsters in Zürich anno 1582.

Die Seuche des Mittelalters und der frühen Neuzeit kam während 300 Jahren immer wieder.

«Wir erleben Historisches», sagte der Zürcher Medizinhistoriker Flurin Condrau kürzlich in Bezug auf den Umgang mit dem Corona-Virus. Quarantäne-­Massnahmen, wie sie China, Italien und zunehmend auch andere Staaten zur Covid-19-Eindämmung durchziehen, habe es in der Weltgeschichte in dieser Grössenordnung noch nie gegeben, so Condrau in einem SRF-­Radiointerview.

Dabei hat die Quarantäne ihren Ursprung in der spätmittelalterlichen Pestbekämpfung: Ihre Ursprünge reichen nach Venedig zurück, wo Reisende, die zu Zeiten der Pest mit dem Schiff ankamen, während 40 Tagen auf den vorgelagerten Inseln warten mussten, bevor sie in die Stadt durften.

Wie keine andere Seuche hat sich die Pest ins kollektive Gedächtnis Europas eingeschrieben. Laut Schätzungen kostete sie ein Drittel oder gar die Hälfte der Bevölkerung das Leben. Damit war sie, nach jetzigem Kenntnisstand, unvergleichlich gefährlicher als das Corona-Virus. Auch in anderer Hinsicht sind grundlegende Unterschiede festzuhalten, wie Condrau betonte: Die moderne Medizin findet heutzutage normalerweise relativ schnell wirksame Gegenmittel, wenn neue Krankheiten auftauchen. Bei der Pest war dies nicht der Fall – und konnte auch nicht erwartet werden, da die Religion und nicht die Wissenschaft das Weltverständnis prägte.

Die Pest kam in mehreren Wellen während gut 300 Jahren immer wieder. Der erste grosse Schub erreichte die Schweiz 1347 von Süden her, via Tessin und Rhonetal. Ein Jahr später war sie in allen Städten des Mittellands präsent. In Basel gab es damals 14 000 Todesopfer, für Zürich sei die Zahl unbekannt, heisst es in einer statistischen Abhandlung zur Geschichte der ansteckenden Krankheiten, die die Zürcher Stadtärzte Brunner und Senti 1937 veröffentlichten.

Weiter heisst es in jener Abhandlung: «1401 war ein grosses Sterben auch zu Zürich, und man gab den Juden Schuld, die Brunnen vergiftet zu haben, weswegen sie vertrieben wurden.» Die Suche nach Sündenböcken zählt laut Condrau zu den Grundmustern, die sich über die Jahrhunderte bei allen möglichen Seuchen immer wiederholten.

Vertreibung und ­Entrechtung der Juden

Bereits im Nachgang der ersten grossen Pestwelle gingen in der Schweiz zwischen 1348 und 1350 mindestens 28 jüdische Gemeinden unter, vermerkt das Historische Lexikon der Schweiz. Bald darauf folgten Wiederansiedlungen, so in Zürich 1354. Doch kurz nach der Wende zum 15. Jahrhundert wütete die Pest wieder. Die Juden wurden erneut vertrieben und entrechtet. 1404 verbot die Stadt Zürich ihnen vor Gericht gegen Christen auszusagen, was ihre Geschäftstätigkeit massiv einschränkte. Ab Mitte des 15.  Jahrhunderts wurden Juden aus praktisch allen Schweizer Städten weggejagt. Erst im 19.  Jahrhundert durften sie dort wieder Wohnsitz nehmen.

1434 drang die Pest selbst in die entlegensten Orte der Zürcher Landschaft vor, wie Brunner und Senti in ihrer Abhandlung schreiben. In der Stadt Zürich seien damals 3000, in der Landschaft 25 000 Personen daran gestorben. Schon fünf Jahre später folgte eine nächste Welle von ähnlichem Ausmass. Das grosse Sterben wiederholte sich daraufhin durchs ganze 15.  Jahrhundert alle fünf bis zehn Jahre. Über die Ursachen des Schwarzen Tods, wie die Pest auch genannt wurde, tappten die Menschen noch Jahrhunderte im Dunkeln: Erst 1894 wurde der Pestbazillus entdeckt, der über Rattenflöhe auf den Menschen und nach Befall der Lunge durch Tröpfcheninfektion auch von Mensch zu Mensch übertragen wird.

Huldrych Zwingli überlebte die Pest

Im Spätmittelalter galt die Pest hingegen als Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben. 1519 infizierte sich in Zürich auch ein junger Priester damit, der gerade seine Stelle am Grossmünster angetreten hatte: Huldrych Zwingli. Er schrieb daraufhin sein Pestlied. «Hilf, Herr Gott, hilf in dieser Not! Ich mein’, der Tod sei an der Tür», hob Zwingli an. Schliesslich überlebte er die Pest und starb zwölf Jahre später im Kampf gegen die katholischen Orte in der Schlacht bei Kappel.

Anders erging es dem Zürcher Universalgelehrten Conrad Gessner, der auch als oberster Stadtarzt fungierte: Er erlag 1565 einer Pestwelle, die allein in Zürich 3700 Menschen und kantonsweit 33 350 Menschen dahinraffte, wie es in der statistischen Abhandlung von Brunner und Senti heisst. Bei Zwinglis Amtsantritt hatte Zürich rund 7000 Einwohnerinnen und Einwohner.

Die spätmittelalterliche Medizin entwickelte verschiedene Ansätze zur Bekämpfung der Seuche: Man schnitt Pestbeulen auf, setzte zum Aderlass an, räucherte Häuser von Infizierten aus, kämpfte gegen «verpestete» Luft an und setzte auch auf Quarantäne. Doch der Erfolg blieb vorerst aus. Statt die Pest zu besiegen, mussten neue Friedhöfe angelegt werden. Ausgrabungen beim Zürcher Fraumünster brachten vor wenigen Jahren Gräber zu Tage, in denen jeweils gleich mehrere Pesttote unsorgfältig verscharrt worden waren.

Ende des 16. Jahrhunderts schlossen sich die Eidgenossen dem Kontroll- und Sperrsystem der mailändischen Gesundheitsbehörden an. Doch vorerst gelang es nicht, die Pest nachhaltig einzudämmen. Erst in den 1660er-Jahren hatte das grosse Sterben ein Ende.

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