Das Zürcher Kinderspital gerät in den Fokus der Kantonsbehörden. Auslöser ist ein Artikel, den die Redaktion CH Media vor zwei Wochen veröffentlicht hat: Im Zürcher Kinderspital haben Patienten mit einem bestimmten Herzfehler gemäss einem Vergleich von wissenschaftlichen Studien eine weniger als halb so grosse Überlebensrate wie in anderen Krankenhäusern. Im Kispi starben 39 Prozent der erfassten Kinder mit dem hypoplastischen Linksherzsyndrom, im deutschen Giessen waren es lediglich 15, im holländischen Utrecht 19 Prozent.

Zugleich erzählten Insider von jahrelangen, massiven Konflikten zwischen den Abteilungen im Zürcher Kinderherzzentrum. Sie waren so stark, dass der nun entlassene Chefchirurg Michael Hübler die Patienten auf der Intensivstation nicht mehr besuchte.

Nun musste sich das Kinderspital vor der Zürcher Gesundheitsdirektion rechtfertigen. Die Behörden verlangten zunächst eine schriftliche Stellungnahme, Unterlagen und die Beantwortung eines Fragenkatalogs. Obendrein bestellte der Kanton die Verantwortlichen des Kinderspitals zu einer Sitzung ein. Resultat: Das Kinderspital habe zwar «glaubhaft gemacht, dass die Qualität gewährleistet sei». «Das Spital ist aber (...) daran, die Situation im Bereich Zusammenarbeit der bei den Behandlungen involvierten Personen weiter zu verbessern, und wird der Gesundheitsdirektion dazu regelmässig Bericht erstatten», schreibt die Behörde in einer Stellungnahme.

Vom Tisch ist das Thema aber nicht. «Die Gesundheitsdirektion wird die Situation im Auge behalten und bei Bedarf weitere Schritte ergreifen», heisst es weiter. Details und Gesprächsprotokolle hält der Kanton mit Verweis auf laufende Abklärungen unter Verschluss.

Wie viele Kinder sterben?

Die Gesundheitsdirektion lässt trotz Nachhaken die wichtigste Frage offen: Kennen die Behörden die Sterberaten bei Patienten mit dem hypoplastischen Linksherzsyndrom im Kinderspital? Die Antwort lautet mit hoher Wahrscheinlichkeit: nein. Denn das Kinderspital sagt auf die gleiche Frage: «Wir sind dabei, die Eingriffe bei Patienten mit dem hypoplastischen Linksherzsyndrom einzeln aufzuarbeiten, und werden darüber im Juni informieren.»

Doch mindestens einen klaren Hinweis geben die Äusserungen der Gesundheitsdirektion: Die Beamten kaufen dem Kinderspital die Rolle als Medienopfer offenbar nicht ab. In dieser Rolle sieht die Leitung das Spital momentan gerne. Das Kispi versuchte, die Aussagen der Insider zu den Problemen in der Zusammenarbeit unter den Tisch zu wischen: Beteiligte beschrieben gegenüber dieser Zeitung unabhängig voneinander «Extremzustände» und «massive Konflikte», die die Behandlungsqualität beeinflussten. Das Kinderspital sagte – konfrontiert mit diesen Aussagen – nur, es gäbe «Diskussionen, die im Ergebnis zielführend geführt würden».

So richtig sicher über die eigene Einschätzung scheint sich die Leitung des Kinderspitals aber auch nicht zu sein. Der Direktor der Chirurgie, Martin Meuli, hatte zuvor in der SRF-Sendung «10vor10» «gewisse Probleme» eingestanden. «Ja, das ist nicht erst seit gestern so», schob er nach.

Nicht zu beneiden ist Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP), die erst seit vier Wochen im Regierungsrat sitzt. Die Probleme im Kinderspital hat sie von Thomas Heiniger (FDP) geerbt, der von 2007 an die Zürcher Gesundheitspolitik bestimmte.

Beim Kinderspital zieht ein Parteikollege von Heiniger die Fäden: Der Zürcher Alt-Stadtrat Martin Vollenwyder ist seit fünf Jahren Präsident der Eleonorenstiftung, die das Kispi kontrolliert. Er hielt sich bisher im Hintergrund und war auch bei der Krisen-Pressekonferenz vor zwei Wochen, an der das Kinderspital den Sterberaten-Vergleich von sich wies, nicht anwesend. Für die «Schweiz am Wochenende» war Vollenwyder am Freitag nicht erreichbar.