Birmensdorf

Ökonomin fordert Umdenken: «Wachstum bedeutet nicht Wohlbefinden» – und das Limmattal könnte Vorreiter sein

Irmi Seidl ist seit 18 Jahren an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf tätig. Die 57-Jährige ist überzeugt, dass Menschen durch eine wirtschaftliche Veränderung mehr Lebensqualität gewinnen könnten.

Irmi Seidl ist seit 18 Jahren an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf tätig. Die 57-Jährige ist überzeugt, dass Menschen durch eine wirtschaftliche Veränderung mehr Lebensqualität gewinnen könnten.

Ökonomin Irmi Seidl befürwortet die Abkehr vom Streben nach Gewinn und Wachstum. Die Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf sieht die Coronakrise als Chance, das derzeit fragile Wirtschaftssystem neu auszurichten, um eine widerstandsfähigere und ökologischere Gesellschaft zu schaffen. Das Limmattal könnte dabei eine Pilotregion für die Schweiz werden, sagt sie.

«Möchten Sie 13000 Jahre alte Bäume sehen?», fragt Irmi Seidl bei einem Rundgang durch die Anlage der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (kurz WSL) in Birmensdorf. Die Ökonomin schreitet über eine Wiese und einen Kiesplatz bis sie vor einer überdachten Vitrine Halt macht. «Kollegen von mir haben diese Föhrenstrünke 2013 am Fuss des Üetlibergs gefunden», sagt Seidl, während sie auf das verwitterte Holz blickt. «Sie geben Aufschluss über die klimatischen Bedingungen der Schweiz in der damaligen Zeit.»

Bedeutend weniger alt sind die Forschungsbereiche, mit denen sich Seidl auseinandersetzt. Sie befasst sich mit Themen wie Biodiversität, Naturschutz und Wirtschaftswachstum. Bald wird die Leiterin der Forschungseinheit Wirtschafts- und Sozialwissenschaften eine Studie über biodiversitätsschädigende Subventionen veröffentlichen. Beschäftigt hat die 57-Jährige in der Coronakrise aber vor allem die durch die Pandemie weltweit stark in Mitleidenschaft gezogene Wirtschaft.

Verluste, Konkurse, Entlassungen: Noch nie ist in der Schweiz und auch weltweit die Wirtschaft so schnell zusammengebrochen wie nach dem Ausbruch des Coronavirus. Welche Lehren kann man aus ökonomischer Sicht aus der Krise ziehen?

Irmi Seidl: Dass wir solche ökonomischen Einbrüche vermeiden müssen, weil sie zu enormen Verwerfungen wie Arbeitslosigkeit und Einkommensausfällen führen können. Um das zu verhindern, brauchen wir Wirtschaftssysteme, die stabil und widerstandsfähig sind.

Die derzeitige Situation zeigt aber, dass vielerorts genau das Gegenteil der Fall ist.

Ja, das sollte uns zu denken geben. Wir mussten zum Beispiel mit Schrecken feststellen, dass die Schweiz, ja die ganze Welt, von vielen Produkten und Komponenten aus China und Asien abhängig sind. Bricht die Lieferkette wie in der Coronakrise zusammen, haben wir ein Problem. Eine wichtige Ursache dafür ist, dass unser Wirtschaftssystem stark auf Gewinn und günstige Produktionsbedingungen ausgerichtet ist, weshalb viel Produktion ins Ausland verlegt wurde. Die Pandemie macht aber nicht nur auf die Probleme, sondern auch auf das Potenzial unserer Gesellschaft aufmerksam. Solidarität, Kreativität und Unternehmergeist sind das andere Gesicht dieser Krise. Es ist schön zu sehen, wie empathisch die Gesellschaft sein kann und wie schnell neue Strukturen wie etwa Nachbarschaftshilfen entstanden sind. Das sollte uns ermutigen, die Wirtschaft zu verändern. 

Das Ziel der Schweiz und der meisten Länder ist es aber, dass sich die Wirtschaft möglichst schnell erholt und der Zustand vor Covid-19 wiederhergestellt wird. Wieso ist das nicht erstrebenswert?

Angesichts der ökologischen Probleme wie etwa dem Klimawandel steuern wir auf noch grössere Krisen zu, wenn wir nichts verändern. Zudem war die ökonomische Situation auch vor dem Coronavirus nicht zufriedenstellend. Seit der Finanzkrise 2008 befinden wir uns im Krisenmodus. Die Schweizer Nationalbank hat viel Geld ins System gepumpt, zahlreiche Staaten haben sich verschuldet. Und auch sonst leben wir doch schon in apokalyptischen Zeiten. Sibirien, das auftaut, furchtbare Feuer in Kalifornien und Australien, jährlich stärkere Hurrikane, neue Temperaturrekorde und nun das Virus, das weite Teile der Welt stilllegt. Unsere Gesellschaft unterliegt dem Trugschluss, es würde weiter gehen wie bisher. Aber das tut es nicht. Noch haben wir die Chance, zu gestalten und zu lenken, um eine widerstandsfähigere und ökologischere Gesellschaft zu schaffen. 

Und diese soll gemäss Ihrer Forderung ohne ständiges Wachstum auskommen. Für viele ein unvorstellbares Szenario. Schliesslich ist unser Wirtschaftssystem doch auf dieses Wachstum ausgerichtet, nicht?

Ja, das stimmt. Doch das Wachstumssystem funktioniert immer weniger, weil es in den Ländern, die jahrzehntelang stark gewachsen sind, immer schwieriger wird, weiteres Wachstum zu generieren. Die Schweizer Wirtschaft wächst heute vor allem dank Zuwanderung von Arbeitskräften. Diese ist ein Grund für hohes Siedlungsflächenwachstum und die ökologisch problematische Verdichtung. Auch die Politik mischt mit, um Wirtschaftswachstum zu fördern. Man denke etwa an den innerkantonalen Steuerwettbewerb oder an die niedrige Unternehmensbesteuerung, um Firmen anzulocken. Unsere Sozial- und Krankenversicherungssysteme wurden in den 1940er-Jahren aufgebaut, als dauerhaftes Wirtschaftswachstum in Aussicht stand. Banken liefern das Geld für Wachstum und leben weitgehend davon. Und auch der Staat möchte Wachstum, denn wachsen die Einkommen, wachsen auch die Steuereinnahmen. Wachstum ist jedoch erst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein zentrales wirtschaftspolitisches und gesellschaftliches Ziel. Für Ökonomen war es davor schlicht kein Thema, es gab auch kein Mass dafür. Das Bruttoinlandprodukt wurde erst in den 1930er-Jahren entwickelt und nach dem Zweiten Weltkrieg international eingeführt. Dabei war es nie als Mass für Wohlstand und Wohlergehen gedacht, auch wenn sich beides gemeinsam mit dem Wachstum zunächst in die gleiche Richtung entwickelte.

Sie sagen zunächst. Ist Wachstum denn nicht ein Indikator für Wohlergehen und Wohlstand?

Nein. Diese Grössen entwickeln sich in Europa seit den 1980er-Jahren auseinander. Das Bruttoinlandprodukt mag zwar weiter steigen, doch das Wohlbefinden stagniert oder geht zurück. Wachstum bedeutet nicht Wohlbefinden. Die Menschen leiden inzwischen an negativen Folgen des Wirtschaftssystems. Sie sind gestresst bei der Arbeit, leiden unter Luftverschmutzung, Lärm, an Zivilisationskrankheiten. Für ein besseres Wohlergehen braucht es kein Wirtschaftswachstum, sondern mehr Freizeit, soziale Beziehungen und erfüllende Aufgaben. 30 Prozent der Deutschen empfindet ihre Arbeit als sinnlos. Das ist erschreckend. Der steigende Konsum bringt zudem einen Verlust der Lebensqualität mit sich. Leute haben ihre Wohnungen mit Krempel gefüllt, die Schränke sind voller Kleider. Das belastet. Ebenso der Freizeit- und Reisestress. Dass man ständig aktiv und unterwegs sein muss, entspricht nicht dem Naturell des Menschen. Er braucht auch einmal Ruhe. In der Coronazeit haben viele Kinder davon profitiert, dass sie von den Eltern nicht jedes Wochenende irgendwohin geschleppt wurden. Auch aus ökologischer Sicht sind das Konsumwachstum und die abnehmende Qualität von Produkten problematisch. Sie verursachen einen enormen Ressourcenverbrauch. Inzwischen ist ein T-Shirt nach zehn Mal waschen aus der Form. In der Elektronikindustrie setzt man beispielsweise auf den geplanten Verschleiss. Produkte gehen schnell kaputt, damit man immer wieder neue anschaffen muss. Es ist doch anstrengend, alle drei Jahre einen neuen Föhn kaufen zu müssen. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass ein Drittel der weltweit hergestellten Kleidung nie verkauft wird und dass die Hälfte der Stahlproduktion nie auf den Markt kommt, sollte uns zudem klar werden, wie ineffizient unser System ist. 

Was müsste man verändern?

Es gibt verschiedene Bereiche für Reformen. So beispielsweise beim Wohnen. Man sollte weniger materialintensiv bauen, statt Beton lieber Holz verwenden. Zudem sollten Wohnstrukturen das Gemeinschaftliche stärken. Es sollte auf kinder- und generationenfreundliche Siedlungen geachtet werden. So kann Wohnfläche gespart werden. Der Langsamverkehr und der öffentliche Verkehr wären zu fördern. Städte könnten klimafreundlicher gebaut und mehr begrünt werden. Wegen der Hitzeproblematik im Sommer sollte überdies die Asphaltfläche reduziert werden. Auch in der Landwirtschaft müsste ein Umdenken stattfinden. Bauern, die keine Düngemittel und Pestizide verwenden, sollten stärker unterstützt werden. Es gibt bereits Menschen, die anders leben, konsumieren und produzieren. Sie können inspirieren. Ich denke da an die solidarische Landwirtschaft, Repaircafés, Tauschplattformen oder kleine Unternehmen, die auf Produkte mit hohen Qualitätsstandards und sozialer Verantwortung setzen.

Irmi Seidl: «Das Bruttoinlandprodukt war nie als Mass für Wohlstand und Wohlergehen gedacht.»

Irmi Seidl: «Das Bruttoinlandprodukt war nie als Mass für Wohlstand und Wohlergehen gedacht.»

Wie könnte denn das Limmattal, das sich in den vergangenen Jahren zu einem Wachstumsgebiet entwickelt hat und heute als boomender Wirtschaftsstandort gilt, künftig aussehen, wenn das Wachstum keine Rolle mehr spielen soll?

Das Limmattal könnte zu einer Pilotregion in der Schweiz werden für energie- und materialeffizientes Bauen, wobei natürlich die Ästhetik beherzigt werden sollte. Ich bin Mitglied der regionalen Gartenkooperative Ortoloco beim Fondlihof in Dietikon und letzthin mit dem Velo auf grösseren Strassen von Zürich dorthin gefahren. Ich könnte mir an vielen Orten im Bezirk Dietikon schöneres Bauen vorstellen, was Gebäude und Infrastruktur anbelangt. Verbesserungspotenzial gibt es auch bezüglich des Verkehrs. Auch wenn derzeit die Limmattalbahn gebaut wird, ist die Region noch sehr fest auf den Autoverkehr ausgerichtet. Ziel müsste es sein, Leben und Arbeit möglichst nahe zusammenzubringen, um Verkehr zu vermeiden. Wer nicht mehr pendeln muss, gewinnt an Lebensqualität. Erholungsmöglichkeiten und das soziale Zusammenleben sollten ins Zentrum gerückt werden. Da das Limmattal über tolle Naherholungsgebiete verfügt, dürfte dieser Punkt einfach umzusetzen sein.

Ihre Forderungen werden bei vielen wohl nicht auf Zuspruch stossen, weil sie mit Verzicht verbunden werden.

Wir verzichten heute etwa wegen des motorisierten Privatverkehrs bereits auf gute Luft, Ruhe und Gesundheit. Aufgrund der staatlich geförderten intensiven Landwirtschaft verzichten wir auf pestizidfreie Lebensmittel und Wasser. Bei Krankheit sind wir wegen Antibiotikaresistenzen gefährdet. Letztlich geht es um Preise, die die gesellschaftlichen und ökologischen Kosten abbilden. Dann entstünde automatisch ein anderes Konsumverhalten, das sich nicht wie Verzicht anfühlen würde. 

Was ist mit den Jobs, die durch die Umstellung verschwinden würden?

Es entstehen neue Berufe und Aufgaben. Es braucht weniger Produktion, dafür mehr Beratung. Das kann anspruchsvoller sein, Menschen könnten wieder mehr Sinn in ihrer Tätigkeit sehen. Zudem gibt es verschiedene Sektoren, in denen Arbeitskräfte benötigt werden. So zum Beispiel in der Bildung, Gesundheitspflege, Landwirtschaft, aber auch beim ökologischen Umbau der Gebäude und beim Ausbau der erneuerbaren Energien. Wir sollten uns durch das jetzige System nicht begrenzen und die Augen vor Neuem verschliessen. Das ist jedoch schwierig, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Es wäre wichtig, den Fokus darauf zu lenken, was wir durch andere Lebenspraktiken gewinnen könnten. Die Schweiz muss sich keine Sorgen vor Veränderungen machen. Die Coronakrise bezeugt, dass das politische System stabil, das Land ist gut verwaltet ist und dass die Menschen sich grösstenteils solidarisch verhalten. Zudem ist die Bevölkerung gut ausgebildet, die Einkommensgleichheit ist relativ gross. Die Schweiz ist also gut gerüstet für eine Weiterentwicklung des Wirtschaftssystems.

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