Wahlkampf

Regierungsratskandidaten präsentieren sich vor Lehrlingen

Regierungsrats-Kandidaten im Gespräch mit Jugendparlaments-Vorstandsmitglied Salome Hurschler und Besar Sulejmani von der Junior Business School in der Wirtschaftsschule KV Zürich.

Regierungsrats-Kandidaten im Gespräch mit Jugendparlaments-Vorstandsmitglied Salome Hurschler und Besar Sulejmani von der Junior Business School in der Wirtschaftsschule KV Zürich.

Wird an der Jugend vorbeipolitisiert? Sechs Zürcher Regierungsratskandidaten, darunter zwei amtierende Regierungsrätinnen, stellten sich den Fragen von Salome Hurschler vom Jugendparlament Kanton Zürich.

In der Demokratie entscheidet hierzulande oft die Minderheit der Bevölkerung. Das zeigte sich besonders deutlich bei den Zürcher Kantonsratswahlen 2015: Damals sank die Stimmbeteiligung auf das Rekordtief von 32,7 Prozent. Mit anderen Worten: Von den insgesamt knapp 1,5 Millionen Menschen der Wohnbevölkerung des Kantons Zürich wählten 287000 Stimmberechtigte die Volksvertreterinnen und -vertreter für die kommenden vier Jahre. Der Grossteil des Volkes fiel dabei nicht wegen des fehlenden Ausländerstimmrechts oder Minderjährigkeit weg, sondern wegen freiwilliger Wahlabstinenz: Von rund 900 000 Wahlberechtigten wählten knapp 300 000.

Besonders hoch ist der Anteil der freiwilligen Nichtwähler jeweils bei den jüngeren Leuten. Die 60- bis 70-Jährigen zählen hingegen zu den eifrigsten Wählerinnen und Wählern, wie Studien belegen. Mit der Veranstaltungsreihe Politstage will das Jugendparlament des Kantons Zürich Jugend und Politik nun im Wahljahr 2019 einander näher bringen. Den Auftakt bildete gestern, knapp vier Wochen vor den Zürcher Kantons- und Regierungsratswahlen vom 24. März, ein Regierungsratswahlpodium in der Aula der Wirtschaftsschule KV Zürich.

Der Saal war fast bis auf den letzten Platz mit kaufmännischen Lehrlingen gefüllt. Auf der Bühne präsentierten sich mit Silvia Steiner (CVP) und Jacqueline Fehr (SP) zwei amtierende Regierungsrätinnen, zudem die neu antretenden Thomas Vogel (FDP), Rosmarie Quadranti (BDP), Hanspeter Hugentobler (EVP) und Martin Neukom (Grüne).

«Wir hätten gerne alle Kandidierenden eingeladen. Das war aber aus Platzgründen nicht möglich», sagte Moderatorin Salome Hurschler, die Vorstandsmitglied des Jugendparlaments ist. So fehlten die Kandidierenden der SVP (Ernst Stocker und Natalie Rickli), GLP (Jörg Mäder), AL (Walter Angst) und EDU (Hans Egli) komplett. Auch Carmen Walker Späh (FDP) und Mario Fehr (SP) fanden keinen Platz auf dem Podium.

Zur Sprache kam mit der AHV zunächst ein Thema, das vermeintlich weit weg ist von den Jungen. Aber nur vermeintlich, wie Hurschlers Ausführungen zeigten; denn die Zahl der Alten, die von den Jungen mit ihren Altersvorsorge-Beiträgen finanziert werden, nimmt zu.

«Die Renten zu kürzen ist keine Option», meinte Neukom (Grüne). «Wir werden die Mehrwertsteuer und das Rentenalter erhöhen müssen», fügte Vogel (FDP) an. «Ich bin auch für die Erhöhung des Rentenalters», sagte Steiner (CVP). Diese müsse aber flexibel stattfinden: «In körperlich harten Jobs kann man nicht bis 65, geschweige denn bis 67 arbeiten.» Hugentobler (EVP) und Fehr (SP) sprachen sich ebenfalls für eine Flexibilisierung des Rentenalters aus, wobei Fehr präzisierte: «Wer früher in den Beruf einsteigt, soll auch früher aufhören können.» Quadranti (BDP) sagte, ein gleiches Rentenalter für Mann und Frau könne sie nur nachvollziehen, wenn auch Lohngleichheit zwischen den Geschlechtern herrschen würde.

Junge politisch untervertreten?

Beim Thema Wirtschaft und Bildung waren sich die Podiumsteilnehmer weitgehend einig, dass die Jugend hierzulande ein vergleichsweise gutes Umfeld vorfinde. Mit lebenslangem Lernen könne sie auch die Digitalisierung als Chance nutzen. Nur Quadranti stimmte nachdenklichere Töne an: «Man muss auch schauen, was mit jenen passiert, die keine Hochschule besuchen können», sagte die BDP-Nationalrätin. Anschliessend kam die Diskussion wieder in Fahrt. Anlass war die von Hurschler aufgeworfene Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

SP-Regierungsrätin Fehr plädierte für einen Elternurlaub – und dafür, dass der Kanton als Arbeitgeber beim Schaffen von Teilzeitstellen mit gutem Beispiel vorangehe. «Kaderstellen auch mit 80-Prozent-Pensen anzubieten, finde ich gut», pflichtete FDP-Kantonsratsfraktionschef Vogel ihr bei. Auch punkto Tagesschulen sei schon einiges aufgegleist. Aber es gelte, noch Tempo zuzulegen.

Damit allein will sich Quadranti nicht zufriedengeben: «Unsere Kindertagesstätten sind zu teuer», so die BDP-Kandidatin. Und weiter: «Die jungen Männer müssen einfordern, dass sie Teilzeit arbeiten wollen. Das ist jetzt Männersache.» An die jungen Frauen im Publikum gewandt, sagte sie: «Ihr müsst hochprozentig arbeiten. Sonst habt ihr im Alter ein Problem mit der AHV.»

«Es gibt nicht für alles staatliche Lösungen», sagte CVP-Regierungsrätin Steiner. «Frauen müssen Frauen fördern.» Dabei gelte es, sie zu ermuntern, auch Führungspositionen zu übernehmen.

Auf die klimapolitisch motivierten Schülerstreiks der letzten Wochen zielte Hurschlers letzte Frage ab: Ob die Politiker mehrheitlich an den Anliegen der Jugend vorbeipolitisieren, wollte sie wissen. Kantonsrat Neukom (Grüne), mit 32 Jahren der jüngste Kandidat auf dem Podium, nahm den Steilpass an: «Die jungen Anliegen sind in der Politik untervertreten, gerade in der Umweltpolitik», sagte er. Bildungsdirektorin Steiner dementierte: Sie gehe sehr wohl auf die Jungen zu, um ihre Bedürfnisse zu erfahren.

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