Zürich

«Stoff für einen Spielfilm»: Rapper Besko zu 51 Monaten Haft und 10 Jahren Landesverweis verurteilt

2016 hat der Rapper Besko die Schweiz in Richtung Serbien verlassen müssen. Nach seiner Ausschaffung kehrte er jedoch zurück und überfiel eine Dübendorfer Postfiliale. Nun musste sich Besko vor Gericht verantworten.

2016 hat der Rapper Besko die Schweiz in Richtung Serbien verlassen müssen. Nach seiner Ausschaffung kehrte er jedoch zurück und überfiel eine Dübendorfer Postfiliale. Nun musste sich Besko vor Gericht verantworten.

Posträuber Besijan Kacorraj, auch bekannt als Rapper Besko, muss für 51 Monate hinter Gitter und wird des Landes verwiesen.

Einen solchen Rummel musste das Bezirksgericht Uster schon lange nicht mehr bewältigen: 18 Medienschaffende waren am Strafprozess gegen den Dübendorfer Posträuber Besijan Kacorraj zugegen. Hinzu kamen weitere Zuschauer, die Verhandlung wurde deshalb per Video in einen Nebenraum übertragen. Dabei war der Fall aus rein juristischer Sicht mässig aufregend. Der Beschuldigte war geständig, der Sachverhalt und die Rechtslage mehr oder weniger klar.

Im Zentrum stand der Überfall auf eine Postfiliale in Dübendorf, den Kacorraj im Februar 2019 mit einer Soft-Air-Pistole begangen hatte. Erbeutet hatte er dabei knapp 4000 Franken. Im Zusammenhang mit dieser Tat wurde er auch wegen Verstössen gegen das Strassenverkehrs- und das Waffengesetz angeklagt. Ausserdem soll er gegen das Ausländergesetz verstossen haben, als er im Oktober 2018 rechtswidrig in die Schweiz eingereist war.

Schicksal sorgte landesweit für Aufsehen

Der Grund für das grosse öffentliche Interesse war weniger auf die Tat als auf den Täter zurückzuführen. Denn Besijan Kacorraj ist in der Öffentlichkeit als Rapper Besko bekannt. Sein Schicksal sorgte landesweit für Aufsehen und Anteilnahme. Im Jahr 2009 hatte er schon einmal einen Raubüberfall begangen, für welchen er auch verurteilt worden war. Gegen die drohende Ausschaffung wehrte er sich in der Folge öffentlichkeitswirksam. Er verarbeitete seine Geschichte in Raptexten und erzählte sie in der Rolle des Geläuterten vor Schulklassen – um Jugendliche von der schiefen Bahn abzubringen.

Kacorrajs Lebensgeschichte wurde auch in der Verhandlung vor dem Bezirksgericht Uster wieder aufgerollt, als er eingangs zu seiner Person befragt wurde. Eine Lebensgeschichte, die seinem Verteidiger zufolge «Stoff für einen Spielfilm» bieten würde. Kacorrajs Mutter hatte einst in der Schweiz gelebt und weilte lediglich vorübergehend im Kosovo, als sie mit Besijan schwanger war. Vor seiner Geburt habe sie eigentlich in die Schweiz zurückkehren wollen – doch habe sie aufgrund des ausserordentlich kalten Winters und ihrer Schwangerschaft den Flug nicht angetreten.

In die Schweiz kehrte sie trotzdem zurück, da sie allein­erziehend gewesen sei und habe arbeiten müssen. Er sei dann bei einer Pflegefamilie in Uster aufgewachsen, so Kacorraj, wobei mehrmals der Begriff «bürgerliches Umfeld» fiel. Seine Schulzeit in Uster sei «eigentlich gut» gewesen, sagte Kacorraj. Das habe sich mit dem Umzug nach Zürich geändert. Dort sei es «anders abgegangen», Umfeld und Mitschüler hätten einen negativen Einfluss auf ihn gehabt. Irgendwann sei er spielsüchtig geworden, erzählte Kacorraj. Er geriet auf die schiefe Bahn und wurde mehrfach straffällig – am gravierendsten beim besagten Raubüberfall im Jahr 2009.

2016 wurde er in den Kosovo ausgeschafft

Kacorrajs Anstrengungen nach dieser Tat, seine Tracks und Schulbesuche sowie die beachtliche Solidaritätskampagne blieben ohne Wirkung. 2016 wurde er in den Kosovo ausgeschafft, ein Land, mit dem er zuvor kaum etwas zu tun hatte. Dort fasste er angeblich Fuss, arbeitete in einem Callcenter und verdiente einen für örtliche Verhältnisse anständigen Lohn. Das Center wurde jedoch geschlossen. Später sei er in Streitigkeiten geraten, erzählte Kacorraj vor Gericht, habe «Puff» gehabt. Konkret ging es offenbar um eine Schlägerei, in die er «aus Zufall» geraten sei.

Im Kosovo würden die Dinge «anders laufen». Das System sei nicht mit jenem in der Schweiz vergleichbar. Ausserdem habe er dort niemanden gekannt, habe keine Kollegen und «keinen Rücken» gehabt. Was sein letztes halbes Jahr im Kosovo betreffe, so treffe die Losung zu, wonach er sich lieber in der Schweiz im Gefängnis aufhalte als im Kosovo in Freiheit. In die Schweiz kehrte Kacorraj im Rahmen erlaubter Familienbesuche – sein Sohn lebt hier – mehrfach zurück. So auch Anfang 2019. Im Rahmen dieses Aufenthalts beging er schliesslich den folgenschweren Raubüberfall in Dübendorf.

Der Staatsanwalt forderte für die Delikte eine Freiheitsstrafe von 57 Monaten und einen Landesverweis von 15 Jahren. Als besonders verwerflich erachtete er den Umstand, dass Kacorraj den Raub in jenem Zeitraum begangen habe, in welchem ihm die Schweiz «aus humanitären Gründen» ein Besuchsrecht eingeräumt hatte. Dass er im Rahmen des Familienbesuchs delinquierte, stelle einen «gravierenden Vertrauensmissbrauch» dar. Auch seien die Postangestellten beim Überfall, den Kacorraj mit einer Soft-Air-Pistole begangen hatte, in ihrem Sicherheitsgefühl erschüttert worden. «Eine Angestellte hat in den Vernehmungen ausgeführt, dass sie in ihrer Todesangst ein letztes Mal an ihre Enkelkinder denken musste.»

Der Verteidiger hob in seinem Plädoyer hingegen das deliktfreie Leben hervor, das Kacorraj von 2009 bis 2019 geführt habe. Es sei mit der vorhergehenden Lebensführung seines Klienten, als dieser mit einem Gangsterimage kokettiert habe, nicht vergleichbar. Dass er mit dem erneuten Raubüberfall mehrere Leute enttäuscht habe, dürfe sich nicht straferhöhend auswirken, sagte der Verteidiger. «Vor Gericht steht heute Besijan Kacorraj, nicht Besko», meinte er mehrfach. Die Freiheitsstrafe für seinen Klienten solle lediglich 32 Monate betragen, wobei nur die Hälfte zu vollziehen sei. Der Vollzug der anderen Hälfte sei bei einer Probezeit von vier Jahren aufzuschieben. Die Landesverweisung sollte dem Verteidiger zufolge fünf Jahre dauern.

Nach den Plädoyers gebührte Kacorraj das Schlusswort. Dieses hatte es in sich: Er nahm Stellung zum Raubüberfall in Dübendorf und zu seiner Vorgeschichte. Dabei zeigte er sich selbstkritisch und richtete Fragen an sich selbst: «Weshalb riskiere ich meine Rolle als Vorbild? Weshalb meinen ohnehin schon erschwerten Kontakt mit meinem Sohn?» Und er entschuldigte sich bei all jenen, die an ihn geglaubt hätten – und die er enttäuscht habe.

«Ich entschuldige mich aber nicht bei jenen, die mich ausgeschafft haben», sagte er weiter. Sie hätten ihn aus einem «sozial engagierten» Leben gerissen, nachdem er nach seiner Verurteilung im Jahr 2009 alle Anstrengungen auf sich genommen habe, um wieder in die Spur zu finden. Er sei selbst für seine Taten verantwortlich. Trotzdem wäre es ohne Ausschaffung nie zu diesen gekommen, zeigte er sich überzeugt.

Das Gericht folgte derweil der Argumentationslinie der Staatsanwaltschaft, zumindest was das Strafmass angeht. Es verurteilte Kacorraj wegen Raubes und der anderen Delikte zu einer Freiheitsstrafe von 51 Monaten. Ausserdem verwies es ihn für zehn Jahre des Landes. Bei der Strafzumessung fiel nicht nur die einschlägige Vorstrafe Kacorrajs zu dessen Ungunsten ins Gewicht. Auch dass er den Raub bewaffnet und maskiert ausgeführt sowie vorbereitet habe (er googelte offenbar unter anderem den Begriff «Postraub»), wurde ihm angelastet. Kacorrajs Lebensgeschichte, insbesondere der Tapetenwechsel von Uster nach Zürich im Alter von sechs Jahren, wirkte sich dafür strafmildernd aus. Ein Raub führe zu einer obligatorischen Landesverweisung, sagte der Richter. Obschon Kacorraj regelmässig Kontakt zu seinem Sohn habe, handle es sich bei ihm nicht um einen Härtefall. Die Dauer von zehn Jahren erachtete das Gericht unter Berücksichtigung seiner Vorstrafe als «angemessen».

Im Rahmen seines Schlusswortes führte Kacorraj aus, dass er nicht daran glaube, in seinem Leben noch einmal richtig Fuss zu fassen. Ein Silberstreif am Horizont könnte allenfalls die Musik sein. «Die Musik ist nun mein Strohhalm für die Zukunft.» Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Meistgesehen

Artboard 1