Zürich

«Wir brauchen Vorwarnzeit»: der Direktor des grössten Gefängnisses der Schweiz steht Rede und Antwort

Gefängnis-Direktor Andreas Naegeli sucht eine Balance zwischen Gefahrenabwehr und Wohlbefinden.

Gefängnis-Direktor Andreas Naegeli sucht eine Balance zwischen Gefahrenabwehr und Wohlbefinden.

Andreas Naegeli, Direktor der Justizvollzugsanstalt Pöschwies (JVA), über neue Sicherheitsrisiken und den geplanten Gefängniszaun.

Sie sind Direktor des grössten Gefängnisses der Schweiz, da ist Sicherheit ein grosses Thema. Wie sicher sind eigentlich die Gefangenen in Anbetracht der Coronasituation?

Andreas Naegeli: Die Gefangenen sind vor Corona sicherer, als sie es andernorts wären. Unsere Mitarbeitenden sind fast die einzige Quelle einer Infektionsgefahr für sie. Und meine Mitarbeitenden unternehmen grosse Anstrengungen, um sich selber und die ihnen anvertrauten Gefangenen zu schützen.

Wie sieht Ihr Schutzkonzept aus?

Ähnlich, wie man es draussen auch kennt: Abstand halten, Masken tragen, Hände waschen, desinfizieren. Und im Zweifelsfall bleiben unsere Mitarbeitenden in Absprache mit dem Anstaltsarzt zu Hause.

In welcher Grössenordnung liegen die Infektionszahlen?

Bei den Mitarbeitenden ist es etwa so wie in der Allgemeinbevölkerung auch. Bei den Gefangenen ist es eine sehr kleine Zahl. Genaue Zahlen nennen wir nicht, sonst müssten wir permanent jeden einzelnen Fall kommentieren.

Können Sie den Gefängnisbetrieb sicher aufrechterhalten, wenn immer wieder mal Mitarbeitende in Quarantäne müssen?

In manchen Spezialistenteams wurde es zeitweise schwierig.

Sie wirken dennoch entspannt. Ist es keine alarmierende Situation?

Im Moment nicht. Aber das kann sich stündlich ändern. Ich bekomme mehrmals täglich ein Update über den Mitarbeiterbestand. Wir haben gelernt, mit der Situation zu leben. Im Frühling kam es mir bei tieferen Fallzahlen bedrohlicher vor.

Wie einschneidend sind die Schutzmassnahmen für die Gefangenen, die ohnehin schon stark eingeschränkt leben?

Bei der ersten Coronawelle im Frühling erliessen wir mehr Einschränkungen und sagten vorübergehend alle Besuche ab. Jetzt tragen alle Besuchenden eine Maske, auch während Gesprächen. Zudem müssen Sie die Hände desinfizieren und sich die Temperatur messen lassen. Und zwischen ihnen und den Gefangenen steht eine Plexiglasscheibe auf dem Tisch. Ausserdem haben wir Skype-Stationen eingerichtet, sodass die Gefangenen auf Anmeldung nicht nur telefonieren, sondern auch skypen können.

Beeinflusst das die Sicherheit?

Einerseits ermöglichen solche Massnahmen, dass mehr heikle Informationen von drinnen nach draussen oder von draussen nach drinnen gelangen könnten. Andererseits: Wenn man die Einschränkungen vergrösserte, bestünde das Risiko, dass es zu Protest oder Widerstand käme. Oder zu schlechter Stimmung oder sogar Selbstverletzungen. Unsere Aufgabe besteht darin, ein gewisses Gleichgewicht herzustellen. Wir müssen in alle Richtungen denken, nicht nur Gefahren abwenden, sondern auch im Inneren für das Wohl der Gefangenen und Mitarbeitenden sorgen.

Apropos Sicherheit: Sie planen einen zweiten Zaun um die JVA Pöschwies. Anwohner wehren sich dagegen, weil sie um ihr Naherholungsgebiet fürchten. Den letzten Ausbruch aus der JVA Pöschwies gab es 2001. Warum braucht es gerade jetzt einen zweiten Zaun um die Gefängnismauern?

Solche Bauvorhaben haben immer eine lange Vorlaufzeit. Schon 2008 gab es Machbarkeitsstudien über verschiedene Varianten. Um 2012 wurde im Süden und Westen bereits ein zusätzlicher Zaun gebaut – und man musste überlegen, wie man es im Norden und Osten macht. Dann gab es Ereignisse in verschiedenen Schweizer Gefängnissen, bei denen es mit Fluchthilfe durch organisierte Leute von aussen zu Ausbrüchen kam. Das führte mit zum jetzt vorliegenden Projekt.

Der Gefängnisbau Pöschwies stammt von 1995. Was hat sich seither punkto Sicherheit grundlegend verändert?

In den Anfängen der Planung der Anstalt in den 1980er-Jahren gab es kein kommerziell nutzbares Internet, keine Handys, keine für jedermann verfügbaren Satellitenaufnahmen und keine Drohnen. Auch andere technologische Hilfsmittel für Ausbrüche, die ich aus Sicherheitsgründen nicht nennen will, waren nicht so verbreitet wie heute. Ausserdem änderte sich die Zusammensetzung der Gefangenen. All das erforderte eine neue Analyse der Sicherheitslage.

Was bringt ein zweiter Zaun?

Wir brauchen eine grössere Distanz zur Gefängnismauer, damit wir keine unerkannten Annäherungen an die Justizvollzugsanstalt haben. Wir müssen mit einer gewissen Vorwarnzeit wissen, wer sich in unserem Umfeld zu schaffen macht.

Gäbe es nicht auch andere Lösungen, zum Beispiel mehr Personal?

Das wäre in einem 24-Stunden-Betrieb eine sehr teure Lösung. Und: Ausserhalb der Mauern sind nicht wir zuständig, sondern die Polizei. Auch mehr Gefängnispersonal könnte in diesem weitläufigen Areal nicht immer am richtigen Ort sein.

Wie stehts mit technologischen Lösungen, etwa Sensoren, die Personen melden?

Das ist sowieso vorgesehen. Wir haben aber beispielsweise auch eine Mobilfunk-Detektion, eine Drohnen-Detektion, wir rüsten auf und bilden unsere Leute weiter. Aber es nützt uns nichts, wenn wir einen Fluchthelfer erst bemerken, wenn er schon da ist. Wie gesagt: Wir brauchen Vorwarnzeit, auch wenn es nur wenige Minuten sind.

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