Corona-Pandemie
Ennet der Grenze fehlt das Augenmass

Eine Analyse zu den unterschiedlichen Coronamassnahmen in der Schweiz und Deutschland.

Serafin Reiber
Serafin Reiber
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In Deutschland schwindet die Geduld.

In Deutschland schwindet die Geduld.

Keystone

Dreissig Zentimeter Neuschnee reichten Anfang Woche, um den Coronafrust zu vergessen. Auf einmal waren Münchens Strassen Skipisten, die Hügel in den Pärken Rodelbahnen. Die Münchnerinnen und Münchner strömten in den Englischen Garten, an die Isar und trafen sich.

In Bayern ist die Freude am Neuschnee derzeit eine rechtliche Grauzone. Ohne triftigen Grund das Haus zu verlassen, ist illegal. Von 21 bis 5 Uhr gilt Ausgangssperre. Wer sich nicht daran hält, kann mit bis zu 500 Euro Busse bestraft werden. Rodeln und Skifahren wird nicht gern gesehen, die Polizei markiert Präsenz in den Pärken.

Das Leben in Bayern ist schon lange auf Sparflamme. Restaurants, Bars, Museen, Kinos und Theater sind seit Anfang November geschlossen, der Einzelhandel und die Schulen seit Mitte Dezember. Die Skigebiete in den Bayerischen Alpen machten gar nicht erst auf. Vergleichsweise locker ist da die Schweizer Coronapolitik. Zwar hat der Bundesrat das öffentliche Leben ebenfalls eingeschränkt. Doch er schafft es, bei den Massnahmen das Augenmass – Schulen und Skipisten! – nicht zu verlieren. Augenmass ist systemrelevant, ja essenziell bei der Bewältigung dieser Pandemie.

Die Schweiz hat das, anders als Deutschland, verstanden. Oft wurde in deutschen Medien auf das «Versagen» («Der Spiegel») der Schweiz in der zweiten Welle hingewiesen. Das stimmt: In der Schweiz hat die Pandemie bis heute – pro Kopf der Bevölkerung – mehr als doppelt so viele Menschen getötet wie in Deutschland. Es stimmt aber auch, dass die deutsche Regierung mit einer Selbstsicherheit Grundrechte beschneidet, als wären Bürger quengelnde Kinder. Das ist zwar nicht tödlich, aber gefährlich für eine Gesellschaft.

«Die deutsche Regierung beschneidet mit einer Selbstsicherheit Grundrechte, als wären Bürger quengelnde Kinder»

In Deutschland schwindet die Geduld. Wenn die Menschen über Wochen nur noch hören, was sie nicht dürfen, halten sie sich irgendwann an gar nichts mehr. Der Deutschlandtrend des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ARD hält zwar fest, dass eine Mehrheit hinter den Coronamassnahmen steht. Doch gebannt ist die Gefahr gesellschaftlicher Spaltung und schwerer Krawalle wie jüngst in den Niederlanden damit nicht, da kaum über Alternativen diskutiert wird.

Anstelle neuer Verbote wäre es sinnvoller, die Bedürfnisse der Menschen ernst zu nehmen. Das gilt für die Kultur, den Sport, aber an erster Stelle für die Bildung. Zu hoch ist der Preis für die Schulschliessungen, die seit Mitte Dezember andauern. Die Kinder lernen weniger, die Bildungsungleichheit wird verstärkt. Gefährlich ist nicht nur das Virus, sondern auch der infizierte Blick der Politiker. Man sucht nur noch mögliche Infektionsquellen, vergisst Augenmass und Pragmatismus. In einem im europäischen Vergleich kaum digitalisierten Land wie Deutschland ist dies fahrlässig.

Unverständlich ist, dass die Bundesregierung erst nach langem Zögern eine Homeofficepflicht wie in der Schweiz einführte. Bei den meisten öffentlichen Verwaltungen fehlen gar die technischen Voraussetzungen, um die Mitarbeiter nach Hause zu schicken. Und so kommt es, dass trotz Lockdowns die U- und S-Bahnen in München gut gefüllt sind.

Apropos U-Bahn: Anders als in der Schweiz reichen in Deutschland selbst genähte Stoffmasken im öffentlichen Verkehr nicht mehr aus. Es müssen medizinische Einwegmasken getragen werden, in Bayern gar FFP2-Masken. Die Ankündigung liess die Preise explodieren.

Die Idee mit den Masken kam von Markus Söder, dem bayrischen CSU-Ministerpräsidenten, der sein Land mit der Selbstsicherheit eines Monarchen regiert. Söder ist der Verbote-Superspreader unter den Ministerpräsidenten. Er betrachtet die Coronakrise als Charaktertest. Wer diesen Test bestehe, sei als Kanzlerkandidat geeignet. Das sagt er immer wieder und meint damit sich selbst. Das führt dazu, dass Söder Pandemieprävention mit Aktionismus verwechselt. Etwa, als er im Herbst forderte, europaweit die Skigebiete zu schliessen. Ein Politiker wie Söder käme in der Schweiz schlecht an. Das ist gut so – und darüber sollte sich die Schweiz freuen.

Genauso wie über Präsenzunterricht an Primarschulen, geöffnete Baumärkte und Skipisten. Oder darüber, dass man sich auch nach 21 Uhr ungestraft am Schnee freuen kann.