Kommentar
Zertifikats-Befürworter unterschätzen den Widerstand: Wenn sie nicht aufwachen, droht ein Volks-Nein

Der Grossaufmarsch an der Corona-Demonstration in Bern sollte ein Weckruf sein: Das Nein-Potenzial geht weit über das SVP-Stammpublikum hinaus. Die Covid-Abstimmung vom 28. November ist noch längst nicht entschieden. Ein Kommentar.

Patrik Müller
Patrik Müller
Drucken
Teilen
Grosses Potenzial: Demonstration der Massnahmengegner am Samstag in Bern.

Grosses Potenzial: Demonstration der Massnahmengegner am Samstag in Bern.

Marcel Bieri

Alle Parteien mit Ausnahme der SVP unterstützen das Covid-Gesetz. Darum wähnt sich die befürwortende Seite in Sicherheit.

Ihre Logik: Im Vergleich zur ersten Abstimmung, als 40 Prozent Nein stimmten, seien diesmal sehr viel mehr Menschen geimpft – und wer das Zertifikat habe, der werfe ein Ja ein. Das ist aus zwei Gründen ein Trugschluss.

  • Mobilisierung: Die Geimpften machen zwar mittlerweile die Mehrheit aus. Aber die Vermutung liegt nahe, dass die Minderheit der Ungeimpften und der Impfskeptiker motivierter ist, an der Abstimmung teilzunehmen.
  • Proteststimmung: Wer ein Zertifikat besitzt, stimmt nicht automatisch Ja. Viele liessen sich widerwillig impfen, weil sie das Zertifikat im Job oder beim Reisen brauchen. Hinzu kommen linke Kreise, etwa um Schriftstellerin Sibylle Berg, die das Zertifikat aus grundrechtlichen Überlegungen ablehnen. Das Nein-Lager ist viel breiter, als es die Parteiparolen vermuten lassen.

Dass gemäss SRG-Umfrage aktuell 61 Prozent dem Gesetz zustimmen würden, bedeutet für die Befürworter keine Entwarnung. Sie müssen viel mehr tun.

Erst am Sonntag sind die Tourismus-Verbände an die Öffentlichkeit getreten. Andere Wirtschaftsverbände schlafen weiter und investieren keinen Rappen in die Kampagne.

Die Demonstration am Samstag in Bern war grösser als vermutet, und es marschierten nicht nur Trychler und die erwartbaren Skeptikergruppen mit, sondern auch Linke. Das sollte ein Weckruf sein.

Aktuelle Nachrichten