Gastbeitrag
Fataler Denkfehler der französischen Intellektuellen

Knapp eine Woche vor der wichtigen Wahl wollen sich die Aushängeschilder der französischen Intellektuellen noch immer nicht für den einen oder anderen Kandidaten entscheiden. Das könnte sich als Fehler erweisen.

Joseph de Weck*
Joseph de Weck*
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Die französischen Autoren Didier Eribon und Annie Ernaux geben für die Wahl keine klare Empfehlung ab.

Die französischen Autoren Didier Eribon und Annie Ernaux geben für die Wahl keine klare Empfehlung ab.

Bilder: Keystone

Frankreich hat eine lange Tradition der «engagierten» Intellektuellen. Aber gegen die Rechtsextreme Marine Le Pen wollen sich heute einige prominente Exponenten nicht mehr engagieren. Für den Autor Didier Eribon ist Emmanuel Macron gleich schlimm wie Le Pen. Er enthält sich darum im zweiten Wahlgang. Die Romancière Annie Ernaux erklärt, sie habe ihre Entscheidung noch nicht getroffen.

Konkret werfen diese Linksintellektuellen Macron eine autoritär-neoliberale Politik vor. Der Präsident hat in der Tat die Steuern auf Kapital gesenkt, was den Reichen zugutekam. Zudem hat er den Kündigungsschutz stark gelockert. Aber, dass Macron auch den Mindestlohn stärker angehoben hat als der Sozialist François Hollande und die Arbeitslosigkeit von 9,5 auf 7,4 Prozent gesunken ist, lassen sie nicht gelten.

Macron ist mehr GroKo als Thatcher. Man kann aus linker Perspektive die Ablehnung von Macron verstehen. Er hat seine Reformpolitik knallhart durchgesetzt, ohne je wirklich auf die Gewerkschaften und die Linke zuzugehen. Aber der Hass auf Macron hat irrationale Züge angenommen. Doch sie ignorieren, dass unter Le Pen Frankreich ganz schnell Ungarn gleichen könnte. Sind die Rechtsextremisten an der Macht, geben sie diese normalerweise nicht so schnell auf.

Noch krasser, nicht einmal, dass eine Wahl Le Pens ein schwerer Schlag für die Ukraine wäre, bringt sie dazu, für Macron zu stimmen. Doch diese Haltung lässt sich in den kommenden Tagen schwer verteidigen. Auch vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs mobilisieren sich viele Linksintellektuelle wieder gegen Le Pen und für Macron.

Paradoxerweise sind am 24. April die Verlierer des ersten Wahlgangs – also in erster Linie die Linkswähler – die Königsmacher. Umfragen zeigen, dass deutlich mehr Linksaussenwähler sich im zweiten Wahlgang enthalten werden also noch 2002 oder 2017.

*Der 35-jährige Politologe ist Autor des Buchs «Macron - Der revolutionäre Präsident» , erschienen 2021 beim Berliner Verlag Weltkiosk. Der Schweizer ist in Paris Europa-Chef des Beratungsunternehmens Greenmantle.

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