Gastkommentar
In der idealen Welt gibt es keine Diktatoren

Der Einsatz von Gesichtserkennungssoftware im öffentlichen Raum ist weltweit auf dem Vormarsch. Was auf den ersten Blick gäbig ist, ist eine gefährliche Entwicklung.

Susan Boos*
Susan Boos*
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Software für Gesichtserkennung vermisst das Antlitz und kann Personen so problemlos via Kamera erkennen.

Software für Gesichtserkennung vermisst das Antlitz und kann Personen so problemlos via Kamera erkennen.

Gary Waters / www.imago-images.de

Die Leute geben ihr Gesicht her, als wäre es ein Schal oder eine Mütze, die man ersetzt, wenn sie verloren geht. Unser Gesicht gehört uns. Könnte man meinen. Dem ist aber schon lange nicht mehr so. Jedes Gesicht hat eine Signatur – so wie ein Finger­abdruck. Eingespeist in grosse Datenbanken, kann man allerhand damit anfangen. Vermutlich sind heute die Gesichter der meisten Menschen der westlichen Hemisphäre bereits vermessen.

In einigen Ländern wird auch das Covid-Zertifikat mit der Gesichtserkennung verknüpft. Das ist gäbig, weil die Türsteherin damit rasch erkennt, ob das Zertifikat wirklich zu der betreffenden Person gehört. «Nau.ch» hat kürzlich berichtet, dass das Schweizer Start-up «Ava-X» dies hierzulande auch ermöglichen möchte. Zuerst wird der Ausweis, dann das Covid-Zertifikat einer Person gescannt und überprüft. Danach wird das Gesicht der Person gescannt und eine anonymisierte Gesichtssignatur erstellt. Beim nächsten Besuch im Club oder Fitnesscenter erkennt das System das Gesicht – Zertifikat und Ausweis werden nicht mehr benötigt. Geht alles ganz schnell und tut nicht weh. Es könne kein Missbrauch mit den Daten passieren, versichert «Ava-X». Kann man glauben oder nicht.

Frontex tut übrigens dasselbe wie «Ava-X», allerdings aus anderen Motiven. Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, hütet die europäischen Aussengrenzen. Bislang müssen dort nur Flüchtlinge die Daten ihres Gesichtes abgeben, wenn sie Einlass erhalten möchten. Damit die Flüchtlinge nicht tricksen und in mehreren Ländern parallel ein Asylgesuch einreichen können. So das Argument. Bald gilt das ­Regime aber für alle Reisenden aus Nicht-EU-Ländern. Sie müssen sich künftig bei jedem Überschreiten einer EU-Aussengrenze biometrisch registrieren lassen. Das betrifft Leute aus rund sechzig ­Ländern.

Das Prozedere ist kompliziert und könnte dazu führen, dass man an den Zöllen wieder stundenlang warten muss. Um das zu verhindern, gibt es eine neue App. Sie heisst sinnigerweise «Smile» – Lächeln. Die Abkürzung steht für Smart Mobility at the European Land Borders, kluge Mobilität an den europäischen Landesgrenzen. Mit der App kann man sein Gesicht schon zu Hause erfassen und auf eine Website hochladen. An der Grenze schaut sich dann eine Kamera die Menschen an, die an ihr vorbeiziehen, und gleicht sie blitzschnell mit den Gesichtern ab, die schon im System sind. Sitzt da jemand, der gesucht wird, geht ein Alarm los. So haben Bösewichte und Bösewichtinnen keine Chance mehr.

Warum also diese wunderbare Erfindung schlechtreden? In einer idealen Welt mag die Erfindung ein Segen sein. In einer idealen Welt gibt es aber auch keine mörderischen Diktatoren. Die ideale Welt hat zudem die unangenehme Eigenschaft, sich manchmal zu verdrücken. Dann haben die, die nichts Gutes im Sinne haben, mit der Gesichtserkennung den totalen Durchgriff. Ein Datenschützer sagte einmal: Wären die Nazis heute an der Macht, hätte in Deutschland kein Jude, keine Jüdin überlebt. Heute kann man keine Pässe mehr fälschen und mindestens versuchen, sich damit über die grüne Grenze in Sicherheit zu bringen. Da stehen nur noch diese nüchternen Geräte, die gnadenlos aussortieren: gefährliches Element – angepasste Bürger, brave Bürgerin.

Die gute Nachricht zum Schluss: In den USA arbeitet eine breite Bewegung an «Ban facial recognition», einem Verbot von Gesichtserkennung. Eine Reihe von Staaten und Gemeinden haben sich bereits angeschlossen. Das EU-Parlament gab im Oktober auch ein klares Votum ab. Es verlangt in einer Resolution, die automatische Gesichtserkennung müsse im öffentlichen Raum und bei Grenzkon­trollen dauerhaft verboten werden. Und in der Schweiz wurde soeben die Kampagne gesichtserkennung-stoppen.ch gestartet. Holen wir uns unsere Gesichter zurück.

*Susan Boos ist Redaktorin bei der «Wochenzeitung» und war jahrelang Redaktionsleitern der WOZ. Seit Anfang 2021 ist sie Präsidentin des Schweizer Presserates.

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