Kommentar
Der langsame Tod der Schulreise – wo die perfekt organisierte Schweiz total versagt

Einst war die Schulreise eine Institution. Nun erodiert und zerfällt sie. Rigi, Boden- oder Vierwaldstättersee: Sind solche Ausflüge in der reichen Schweiz schon Luxus?

Patrik Müller
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Zu teuer für eine Schulreise: Die Rigi-Bahn.

Zu teuer für eine Schulreise: Die Rigi-Bahn.

Foto: Boris Bürgisser

Die ganze Welt hat gestaunt, als der Bundesrat und die Banken zu Beginn der Coronakrise ein Kreditprogramm aus dem Boden gestampft haben: zinslose Darlehen für notleidende Kleinfirmen, innerhalb von 30 Minuten freigegeben!

Die Schweiz funktioniert, ist organisiert – kaum ein Klischee ist wahrer. Man hat’s eben bei den Unwettern gesehen. Feuerwehr, Zivilschutz, kommunale und kantonale Behörden: Der Effort rettete Leben, sicherte Existenzen.

Natürlich gibt’s auch hierzulande immer mal Pleiten und Pannen, jüngst bei der Swisscom. Meist sind es aber keine systemischen Probleme. Und fast immer werden sie gelöst.

Doch auf einem vermeintlichen Nebenschauplatz ist etwas faul im Musterstaate.

In der reichen Schweiz fehlt das Geld für das, was einst Schulreise hiess. Heutzutage gehen Klassen in den meisten Gemeinden einfach noch ein bisschen spazieren, wandern und bräteln, in der engeren Region. Bus, Bahn, Schiff oder gar Bergbahn sind unbedingt zu vermeiden. Unbezahlbar!

Nichts gegen Wandern in der Umgebung, auch das sind tolle Erlebnisse. Aber einmal im Jahr eine richtige Reise machen, ist das im Tourismusland schon Luxus? Einmal aus dem Kanton ausbrechen, mit allen, ob Schweizer- oder Ausländerkind, und unabhängig davon, ob sich seine Familie den Ausflug privat leisten könnte?

Kinder staunen nur noch, wenn sie von Eltern oder Grosseltern hören, dass es früher mit der Klasse auch mal auf die Rigi ging, an den Bodensee oder zum Bärengraben. Tempi passati. Die Institution Schulreise erodiert, zerfällt.

In Wahrheit fehlt es nicht an Geld. Nein, Bund, Kantone, Gemeinden und der öffentliche Verkehr sind einfach dysfunktional. Nirgendwo ist unser Land so kompliziert organisiert wie im ÖV mit seinen Tausenden Kässeli. Jetzt gibt’s im Parlament einen neuen Anlauf. Bei Schulreisen soll es für Kinder 5-Franken-Billette geben, wie Radio SRF meldete. Einfache Idee, schwierige Umsetzung. 20 bis 35 Millionen würde das kosten. Tja, welches Kässeli soll wie viel beisteuern? Das Vorhaben ist wohl zum Scheitern verurteilt. Wäre aber auch viel verlangt, könnte die Schweiz sogar dieses Problem lösen!

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