Kommentar
Gefragter denn je: Die Forderung nach einem Maulkorb für die Corona-Taskforce ist absurd

Noch nie waren Einschätzungen aus der Wissenschaft so gefragt wie während der Coronapandemie. Den Expertinnen und Experten nun den Mund zu verbieten, wäre ein grosser Fehler – auch wenn ihre Mahnungen und Forderungen unbequem sind.

Roman Schenkel
Roman Schenkel
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Die Wirtschaftskommission des Nationalrats will, dass die wissenschaftliche Taskforce nicht mehr direkt zu den Medien spricht. Im Bild Martin Ackermann, Leiter der wissenschaftlichen COVID-19 Taskforce.

Die Wirtschaftskommission des Nationalrats will, dass die wissenschaftliche Taskforce nicht mehr direkt zu den Medien spricht. Im Bild Martin Ackermann, Leiter der wissenschaftlichen COVID-19 Taskforce.

Bild: Anthony Anex / KEYSTONE

Wohl noch nie hatte die Forschung solch grossen Einfluss auf die Politik wie in der Pandemie. Wissenschafterinnen und Wissenschafter erklären Corona im Fernsehen, in Podcasts oder auf Twitter. In der Schweiz berät eine wissenschaftliche Taskforce den Bundesrat – sie hat sich mit ihren Forderungen nach harten Massnahmen viele Feinde gemacht.

So folgten, kaum war die zweite Infektionswelle halbwegs eingedämmt, schon drastische Warnungen vor einer dritten Welle, verbunden mit der Forderung, das Virus noch rigoroser zu bekämpfen, statt die Massnahmen zu lockern. Und spurt die Politik nicht, werden die getroffenen Massnahmen von Wissenschaftern zerzaust – bisweilen gar von den Mitgliedern der wissenschaftlichen Taskforce selber.

Die Gewichtung entscheidet

Den Wissenschaftern deshalb den Mund zu verbieten, wie es die nationalrätliche Kommission fordert, ist aber absurd. Nie waren ihre Einschätzungen gefragter. Doch die Experten liefern nur Fakten, keine Entscheidungen. Sie machen keine Politik. Der Bundesrat ist kein Vollzugsorgan wissenschaftlicher Empfehlungen. Genauso wenig wie er den Forderungen von Wirtschaftsverbänden wie Economiesuisse blind folgt.

Die Aufgabe der Politik ist es, Ratschläge der Wissenschaft in mehrheitsfähige Massnahmen umzusetzen. Und es ist das Recht des Bundesrats, ja sogar seine Pflicht, dabei anders als die wissenschaftlichen Empfehlungen zu entscheiden – dann nämlich, wenn er andere Argumente höher gewichtet.