Kolumne
Die Rückkehr des Nationalen

Gerog Kreis, emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel, widmet seine Kolumne der Frage, inwiefern sich neue Wellen mit Verantwortung verbinden lassen.

Georg Kreis
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Wo liegen die Ursachen der Re-Nationalisierung, die sich in vielen Varianten regt?

Wo liegen die Ursachen der Re-Nationalisierung, die sich in vielen Varianten regt?

Keystone

Wir leben in einer Zeit der Re-Nationalisierung – wenigstens der Mentalitäten. Kürzlich (am 4. März 2017) hat das um Volksanerkennung lechzende deutschschweizerische Fernsehen zum dritten Mal einen Abend angeboten, in dem hundertprozentige (!) Schweizer Musik zu hören sei. Gibt es so was überhaupt? Gerade Musik und viele, viele andere Bereiche leben doch von transnationalem Austausch und machen in Verarbeitung von Anderem etwas Eigenes. Selbst urchige Volksmusik sollten wir als Weltmusik begreifen und schätzen.

Werden wir starken Trends ausgesetzt, wäre es gut, zu wissen, was ihre Ursachen sind, damit wir ihnen nicht völlig unterworfen sind. Wo liegen die Ursachen der Re-Nationalisierung, die sich in vielen Varianten regt: auf dem europäischen Kontinent, dann auf der britischen Insel in einer englischen und einer schottischen Variante und brutal und dumm in Trumps Amerika. Überall die gleichen Wurzeln?

Georg Kreis

Der Autor ist emeritierter Professor für Neuere Allgemeine Geschichte und Geschichte der Schweiz an der Universität Basel. Er war bis 2011 Leiter des Europainstituts Basel und Präsident der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR). Kreis ist Mitglied der FDP.

Zunächst sei daran erinnert, dass die Re-Nationalisierung kein erst kürzlich aufgekommenes Phänomen ist. Es machte sich bereits in den frühen 1990er-Jahren bemerkbar mit dem Zerfall der supranationalen Lager in Ost und West, mit der Belebung des regionalen Nationalismus in Katalonien, Korsika, Schottland, Flandern. Die Ursachen liegen zweifellos in der beschleunigten Modernisierung und Globalisierung. Diese bieten sich allerdings als möglicherweise zu leicht und schnell bemühte Erklärung an. Einleuchten können sie, wenn man Modernisierung als Prozess versteht, der Vertrautes beseitigt, und Globalisierung als Entwicklung, welche die Entscheidungsebenen und Betroffenheitsebenen immer stärker auseinanderfallen lässt.

Wir müssen uns auch fragen, inwiefern die gesteigerte Gleichzeitigkeit in der Wahrnehmung der Welt den mentalen Rückzug in einen vermeintlichen Sicherheitsraum fördert und ob die Zunahme von elektronischen Stellungnahmen mit ihrer sehr elementaren Unterscheidung zwischen «we and the others» ebenfalls einen Anteil daran hat, dass die Nation als Vorstellungsgrösse wieder wichtiger geworden ist. Für uns stellt sich die zentrale Frage, die der Basler Historiker Jacob Burckhardt bereits 1867 gestellt hat, wie das geht, wenn wir gerne die Welle kennen möchten, auf welcher wir im Ozean treiben, und dabei diese Welle selber sind?

Mehr oder weniger auf den britischen Nationalismus reagierend, der beim Brexit den Ausschlag gab, und bestärkt durch den von Trump angeheizten primitiven Nationalismus hat der Amerikaner Lawrence Summers mahnend die Stimme erhoben, kürzlich wieder an einer Tagung in Peking. Lawrence oder Larry Summers who? Es ist eine sehr schätzenswerte Errungenschaft der elektronischen Globalisierung oder der globalen Elektronik, dass wir neben dem vielen Mist auch bedenkenswerte Überlegungen, die irgendwo in der Welt entwickelt werden, leicht zur Kenntnis nehmen können, als ob sie von unserem Nachbarn stammen würden.

Lawrence Summers ist Ökonom, ehemaliger US-Finanzminister, Präsident der Harvard University etc. Letztes Jahr prägte er mit dem Artikel «How to embrace nationalism responsibly» die Formel des «verantwortungsvollen» Nationalismus. Das kann stutzig machen, das heisst zum Nachdenken anregen. Die Formel setzt sich dem Verdacht aus, den Nationalismus zu beschönigen, indem sie ihn mit dem positiven Wort der Verantwortung kombiniert. Sogleich müssen wir uns fragen, worin der «unverantwortliche» Nationalismus bestehen könnte.

Die Formel stipuliert, dass man dem Wohlergehen der eigenen Bevölkerung Priorität einräumen muss, ohne dabei Bevölkerungen anderer Länder zu schädigen, und dabei einen gestaltenden – «managed» – Internationalismus betreiben soll. Wie das im Einzelnen gehen soll, kann man im Netz nachlesen. Ein nicht im Zentrum stehender Gedanke ist wichtig: Nationale und globale Wirtschaftserfolge dürfen nicht einzig an Durchschnittswerten gemessen werden. Von nationaler und internationaler Bedeutung ist deren Verteilung auf soziale Gruppen. Verantwortungsvoller Nationalismus ist eine Formel gegen die zunehmende Fraktionierung der nationalen Gesellschaften und für die Wiederbelebung – «re-forging» – des sozialen Zusammengehörigkeitsgefühls. Dies müsse beherzigt werden, wenn man den populistischen Scharlatanen das Handwerk legen will. Wenn’s so gemeint ist, verdient es Zustimmung.

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