Neue Kamera-Technik
Endlich Bilder machen, ohne zu sehen

Neue Technik fotografiert jetzt unsere Erinnerungen selber: Gedanken von «Nordwestschweiz»-Autor Max Dohner.

Max Dohner
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Schnell gesehen – und auch schnell fotografiert.

Schnell gesehen – und auch schnell fotografiert.

Getty Images

Lange gab es das nur in den USA – inzwischen sieht man sie vielenorts: sogenannte Picture Points. Das sind Tafeln, die einem den besten Standort anzeigen, um von einer Landschaft, von einer Sehenswürdigkeit das beste Bild zu machen. Natürlich ist das eine Bevormundung. Als wären wir blinde Trampeltiere ... auf touristischen Trampelpfaden allerdings keine ganz widersinnige Annahme. Liegt die Bevormundung nicht schon im Wort «Sehenswürdigkeit»? Von allen Dingen werden ein paar herausgestrichen; die «muss man dann einfach gesehen haben».

«Augen, meine lieben Fensterlein», schrieb Gottfried Keller, «... lasset freundlich Bild um Bild herein.» Die Freundlichkeit wendet sich bald in Missmut, werden unseren Augen Schrauben angelegt, wenn unser Blick verengt, starr justiert, auf einen speziellen Punkt gerichtet wird wie die Schnauze eines Hundes. «Die eigene Sicht der Dinge» – das ist zunächst die Freiheit, so in die Welt zu gucken, wie man das halt tut, durchaus auch freundlich, ist aber grundsätzlich zum Recht des Einzelnen geworden, seinen Teil zu denken beim Wirrwarr des Lebens.

Seit hundert Jahren bietet die Technik mannigfaltige Hilfen, die unsere Sicht der Dinge stützen, illustrieren und bereichern. Davon legen wir Sammlungen an, Alben und Archive. Die Technik erleichtert das Bebildern so sehr, dass sie jetzt an der Schwelle steht, es uns ganz abzunehmen. Neue Technik zeigt uns den «Picture Point» nicht mehr, damit wir handeln, sie drückt gleich selber auf den Knopf. Wir werden nie mehr ein «Megabild verpassen» – die Technik schiesst’s für uns, ohne dass wir einen Gedanken daran verschwenden. Das ist die Verlockung: Der Fotograf, die Fotografin werden automatisch sehend, sie sind künstlich intelligent.

Mit Google-Clips kommt eine Minikamera auf den Markt, die von allein erinnerungswürdige Fotos schiesst. Die Kamera, liest man, sei mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, die alles in der Umgebung scannt, um dann eigenständig Bilder davon zu machen, in Ausschnitt, Helligkeit und Kontrast perfekt. Die Kamera bleibt hoch aufmerksam, wo wir lediglich plaudern, wiehern und schnorren. Post festum betrachten wir dann in aller Ruhe, was der diensteifrige Apparat für uns gesammelt hat, und wählen aus. Er schickt es uns drahtlos aufs Handy. Drei Stunden lang behält die Kamera uns unter Dauerbeobachtung – und alle anderen in der Nähe –, länger reicht der Akku nicht. Markteinführung ist noch diesen Monat.

Diese Neuerung auf dem Feld der Bilder deckt sich mit einer Nachricht von der Kleiderbranche. Es soll bald intelligente Stoffe geben, die unseren Gemütszustand aus tausend Daten errechnen und dann farblich gegen aussen zum Ausdruck bringen. Erstens, damit die Mitmenschen schneller auf unsere Launen eingehen können. Zweitens, damit ein allfällig trüber Zustand sich farblich sofort aufpeppen lässt via Kleidung. Und so kommt es, dass ich mich frage, ob ich in der S-Bahn von Turgi nach Langenthal wirklich erkannt werden will anhand meiner dunkelvioletten Melancholie, wie ich mich auch frage, ob ich einer Kamera die Obhut über mein ganzes Sehen überlassen möchte.

Vermutlich sind wir damit beim Kern der Sache: Innere und äussere Bilder sind selten deckungsgleich, vermutlich überhaupt nie. Zu unserem Glück und zu unserem Unglück. Jeder hat schon bedauert, dass der «äussere Schein trügt», jeder war deswegen auch schon tief erleichtert: «Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss.» Die Ernte einer automatisch für mich knipsenden Kamera wäre vermutlich eine Enttäuschung. Google sagt, man könne den Apparat unser Augenmerk lehren, indem ich wie bei einer Tierdressur ihr mal vor-klicke, was ich gerne fotografiert haben möchte. Danach richte sie sich dann. Sicher fleissig – und zweifellos vollkommen dumm.

Anderseits soll man den Reiz neuer Bildtechniken nicht unterschätzen. Die Technik öffnete dem spielerischen Reichtum unvorstellbare Grenzen. Bilder schütten uns nicht bloss zu wie Lawinen, eine Metapher, die in der Moderne häufig gebraucht wird. Bilder erschliessen uns auch ganze Kontinente. Und zwar auf eine zauberhafte Weise, von der niemand im Ernst behaupten kann, sie jemals wirklich «im Griff» zu haben. Auch wer eine Kamera aus dem Effeff zu handhaben versteht in ihren heute 1001 digitalen Möglichkeiten, kann ein völliger Banause bleiben beim «Machen» von Bildern.

Gute Bilder kann man allenfalls «erwecken». Das heisst, dass eine eigene seherische oder bildnerische Fähigkeit dazukommen muss, wo ein Bild gelingen soll. Vor allem, wo ein Bild unserer Erinnerung helfen, also dauern soll. Meistens ist das eine geistige Qualität oder Dimension. Ich habe Freunde, die der Technik eine geistige Qualität völlig absprechen. Auf einer gemeinsamen Reise machen diese Freunde kein einziges Foto, mit der Begründung: «Ich habe das tiefer, besser, gültiger im Kopf.» Nur um ein paar Wochen später mich um die Kopie dieses oder jenes Bildes zu bitten.

Das überrascht nicht wirklich: Bilder ohne jede Stütze im Kopf sind nicht unbedingt stark genug, um dem dauernden Wandel zu widerstehen, die der Kopf veranstaltet im wolkigen Haushalt seiner Bilder. Erinnerung ist eine Waschküche, voller Dampf und Nebel. Ein Kodachrome-Slide garantiert da eine gewisse Deutlichkeit im Zusammenspiel von Bild und Erleben, ja sogar ein Selfie.

Und noch eine Anekdote auf Reise: Im Bus drehte sich ein Kollege um: «Ah, diese Bäuerin im roten Poncho, das gelbe Ährenfeld, worin sie sitzt, darüber der blaue Himmel, was für ein Bild!» Ein anderer fragte: «Und warum fotografierst du nicht, mit der Kamera im Schoss? Soll der Bus anhalten?» Die Antwort war folgende: «Es ist vorbei. Das Bild ist nie mehr so, also ist es verloren. Millionen Bilder habe ich im Leben schon verloren.» Die automatische Kamera hätte womöglich ausgelöst. Ob das Bild damit auch «gewonnen» worden wäre, ist zweifelhaft.

Die neue Kamera verspricht etwas Falsches. Sie nimmt uns das Sehen nicht ab. Was wir sehen und weshalb, wie lange das Gesehene erhalten bleibt – das sind alles Mysterien, für die es keine fremden Auslöser gibt. Das tut allein die Camera obscura der Seele.