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Frau Lüscher und das Sparbillett

Jörg Meier
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Keystone

Frau Lüscher hat wieder angerufen. Wegen der Sparbillette der SBB. Ihre Freundin sei ganz begeistert davon. Über das Wochenende sei die mit ihrem Mann im Wallis gewesen. 1. Klasse. Hinweg über Bern und Brig; Rückweg via Furka–Göschenen.

Und bezahlt habe ihre Freundin dank Sparbillett pro Person nur 80 Franken. Ohne Sparbillett hätte die Fahrt 205 Franken gekostet. «Das sind ja über 60 Prozent Ermässigung! Stellen Sie sich das einmal vor!», sagte Frau Lüscher.

Aber man müsse halt schon recht gut Internet können, um solche Sparbillette zu ergattern, fuhr sie fort. Aber sie wundere sich halt schon ein bisschen über ihre Freundin. Denn die könnte sich durchaus auch ein gewöhnliches Billett zum normalen Preis leisten.

Ich antwortete, das könne ich nicht beurteilen, da ich ihre Freundin nicht kenne. Aber ich fände Sparbillette grundsätzlich eine gute Idee. Sowohl für die Passagiere, die günstiger reisen können, als auch für die SBB, die ihre Züge dadurch besser auslasten können.

Frau Lüscher schwieg, also redete ich weiter: «Ich bin auch schon mit einem Sparbillett ins Tessin gereist.»

«Oh», sagte da Frau Lüscher voller Mitgefühl, «werden Sie von ihrer Zeitung denn so schlecht bezahlt? Das wusste ich nicht.»

Ich erklärte ihr, dass das eine nichts mit dem andern zu tun hat. Dass man mit gutem Gewissen mit SBB-Sparbilletten reisen darf, auch wenn man keine Sozialhilfe bezieht.

«Meinen Sie?», fragte Frau Lüscher, noch immer etwas unsicher.

«Ganz bestimmt», machte ich ihr Mut.

«Erkennt der Kondukteur, ob ich mit einem richtigen Billett oder nur mit einem Sparbillett unterwegs bin?»

joerg.meier@azmedien.ch

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