Medienkolumne
Medienversagen im Fall Franziska Roth? Einfach mal über den Üetliberg hinausschauen!

Nadja Rohner
Nadja Rohner
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Nadja Rohner: « Es ist die Summe der kleinen Versagen von Franziska Roth und ihrer Partei, die das grosse Bild ergeben – und dieses können nur Regionalmedien zeichnen.»

Nadja Rohner: « Es ist die Summe der kleinen Versagen von Franziska Roth und ihrer Partei, die das grosse Bild ergeben – und dieses können nur Regionalmedien zeichnen.»

KEYSTONE

Jetzt, wo die Aargauer Politik dank Nicht-mehr-SVP-Regierungsrätin Franziska Roth mal wieder über die Kantonsgrenzen hinaus interessiert, meint jeder, dazu eine Analyse abgeben zu müssen. Mitunter mangelt es den Verfassern aber an Grundkenntnissen über das regionale Politgeschehen. Kein Problem: Man liest einfach zwei andere Artikel übers Thema und fegt dann einmal kommentierend drüber. Ist ja egal, obs inhaltlich Sinn macht.

Jüngstes Beispiel: Politikwissenschafterin Regula Stämpfli im Onlinemagazin persoenlich.com. In ihrem Beitrag ortet die in München wohnhafte Stämpfli nicht nur ein Frauenproblem bei der «Männerpartei SVP», sondern auch ein Medienversagen: «Von selbst wurden die demokratischen Missstände, die im Kanton Aargau schon länger schwelen, nicht wirklich von den Medien recherchiert», schreibt sie. «Dies macht den Fall Roth auch zu einem Fall Qualitätsmedien in der Schweiz.»

Regelmässige Leser der «Aargauer Zeitung» werden sich nun die Augen reiben. Haben sich die Redaktoren doch wenn schon den Vorwurf anhören müssen, man schaue bei Roth zu kritisch hin.

Was die Causa Roth von anderen Polit-Affären unterscheidet: Da sind keine eigentlichen Skandale, die es aufzudecken gibt. Es ist die Summe der kleinen Versagen der Regierungsrätin und ihrer Partei, die das grosse Bild ergeben – und dieses können nur Regionalmedien zeichnen. Weil sie kontinuierlich nahe dran sind; ungemütlich nahe für viele Politiker. Regionalmedien, denen vermeintlich kleine Verfehlungen, Stolpersteine, Ärgernisse auffallen, die isoliert betrachtet nicht so tragisch sind, kumuliert aber eben schon.

Bei Roth begann es mit seltsamen Äusserungen im Wahlkampf wie etwa der Forderung nach einer Schule wie vor 40 Jahren. Nach der Wahl kamen die auffällig häufigen Personalwechsel in ihrem Departement. Die vielen brüskierten Dialogpartner. Die erst verhaltene und dann immer lauter werdende Kritik aus allen Partei-Ecken. Und daraus entstanden Artikel, Analysen, Kommentare in der «Aargauer Zeitung», wodurch das Ausmass des Problems erst ans Licht kam. «Nicht wirklich von den Medien recherchiert», Frau Stämpfli? Wohl eher nicht über den Üetliberg hinausgeschaut.

Ironischerweise schreibt die Politikwissenschafterin weiter: «Kein Wunder, interessierten sich Aargauer Journalisten nur am Rande für die Vorgänge grad vor der Haustür. Denn eine journalistische Karriere macht man heutzutage nicht durch guten Recherchejournalismus, sondern mithilfe von Züri-Selfies.» Ach, Frau Stämpfli: Werfen Sie selber doch mal einen Blick über die Zürcher Stadtgrenze. Lesen Sie eine Regionalzeitung. Sie werden staunen.

Regierungsrätin Franziska Roth – von der Nomination der SVP bis heute:

Juli 2016: Da war die Welt noch in Ordnung: Thomas Burgherr, Präsident der SVP Aargau, stellt Regierungsratskandidation Franziska Roth im Jahr 2016 vor. Rechts daneben ist SVP-Regierungsrat Alex Hürzeler. Es folgen die Bilder zum Thema: "Regierungsrätin Franziska Roth – von der Nomination bis heute".
22 Bilder
November 2016: Franziska Roth (SVP) wird im zweiten Wahlgang zur Regierungsrätin gewählt. Applaus von SVP-Parteikollegen: Franziska Roth setzte sich gegen Maya Bally (BDP) und Yvonne Feri (SP) durch.
Franziska Roth nimmt Gratulationen des Aargauer SVP-Präsidenten Thomas Burgherr entgegen.
Die SVP feiert ihre neue Regierungsrätin und den zweiten Sitz im Hotel Restaurant Gotthard in Brugg. Im Bild nimmt sie Gratulationen von SVP-AG-Präsident Thomas Burgherr entgegen.
Roth in ihrem Büro als Regierungsrätin: Sie übernahm das Departement Gesundheit und Soziales und wurde damit Nachfolgerin von Susanne Hochuli (Grüne).
Franziska Roth mit Ehemann Rolf André Siegenthaler, Berufsmilitär.
100 Tage im Amt: Roth lädt zu einer Medienkonferenz und bemängelt vor allem eine fehlende Departementsstrategie ihrer Vorgängerin Susanne Hochuli. Hier auch im "TalkTäglich".
Franziska Roth im Grossen Rat. Sie trat ihr Amt Anfang 2017 an.
23. Juni 2017: Roth an der Trauerfeier für alt Regierungsrat Roland Brogli in Zeinigen.
1. August 2017: Roths erste 1.-August-Ansprache als Regierungsrätin in Holziken.
15. September 2018: Regierungsrätin Franziska Roth. 150-Jahrfeier der Offiziersgesellschaft Aarau, KuK, Aarau.
Oktober 2018: Roth stellt das revidierte Spitalgesetz vor. Mit mehr ambulanten und weniger stationären Behandlungen sollen in den nächsten Jahren rund 10 Millionen Franken gespart werden.
Eskalation im Februar 2019: FDP, CVP und Grüne protestieren in einer Erklärung im Grossen Rat gegen Roth. Sie sei respektlos, ihr Umgang zeuge von Geringschätzung. SVP-Fraktionschef Jean-Pierre Gallati äussert Verständnis für die Kritik der anderen Parteien.
Es kommt noch dicker: In Roths Departement mehren sich die Abgänge. Schon die dritte Kommunikationschefin unter der SVP-Regierungsrätin wirft das Handtuch. Auch die Assistentin geht, der Generalsekretär steht vor dem Absprung.
Entmachtung: Am 13. März zieht der Gesamtregierungsrat die Konsequenzen aus der Krise im Departement Gesundheit und Soziales (DGS): Er entzieht Franziska Roth das wichtigste Dossier zum Kantonsspital Aarau. Der Regierungsrat mit Franziska Roth, Alex Hürzeler, Urs Hofmann, Markus Dieth, Stephan Attiger und Staatsschreiberin Vincenza Trivigno (von rechts) vor der Linde von Linn.
Die Verantwortung dafür wird vorläufig Finanzdirektor Markus Dieth übertragen. Zudem beschliesst der Aargauer Regierungsrat, das DGS von einer externen Firma untersuchen zu lassen. Der Generalsekretär verlässt per sofort das Departement. Im Bild: Markus Dieth, Franziska Roth und Landammann Urs Hofmann.
18.März 2019: An einer Medienkonferenz informiert Parteipräsident Thomas Burgherr über die Causa Roth. Das Steuer müsse jetzt herumgerissen werden. Gelinge dies nicht, müsse Roth die Konsequenzen ziehen, sagt Burgherr - und meint damit den Rücktritt.
18. März 2019: Im "Talk Täglich" kontert Franziska Roth und sagt, ein Rücktritt auch im Sommer stehe nicht zur Debatte.
23. April 2019: Franziska Roth gibt an einer Medienkonferenz ihren Austritt aus der kantonalen SVP bekannt. Die SVP Aargau war nicht über Roths Schritt informiert.
Die SVP habe sie mit diversen diffusen Vorwürfen eingedeckt und sie quasi zum Rücktritt gezwungen, sagte Roth.
Sie werde weiterhin dezidiert bürgerlich politisieren und schliesse eine Rückkehr in die SVP nicht aus, sobald dort andere Leute ans Ruder kommen.
Die SVP Aargau reagiert schnell mit einer scharfen Medienmitteilung. Es mangle ihr an "Willen, Interesse und Talent", schreibt die Partei. Präsident Thomas Burgherr: «Unser guter Wille war immer da.»

Juli 2016: Da war die Welt noch in Ordnung: Thomas Burgherr, Präsident der SVP Aargau, stellt Regierungsratskandidation Franziska Roth im Jahr 2016 vor. Rechts daneben ist SVP-Regierungsrat Alex Hürzeler. Es folgen die Bilder zum Thema: "Regierungsrätin Franziska Roth – von der Nomination bis heute".

Alex Spichale

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