Pro&Contra
Skifahren: Fast ein Grundrecht auch in Coronazeiten oder unnötig risikoreiche Luxusbeschäftigung?

Ski- und Snowboardfahren sind in der Schweiz der letzte legale, kollektive Sonntagsspass. Am Wochenende sieht man nun die Schneesportler an der Talstation Schlange stehen und auf dem Gipfel in die Kamera grinsen. Das führt zu Unmut und geteilten Meinungen.

Katja Fischer De Santi und Anna Miller
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Die Schweiz: Der Sonderfall in Sachen Skifahren dieses Jahr.

Die Schweiz: Der Sonderfall in Sachen Skifahren dieses Jahr.

CH Media

1. Contra: Klatschen fürs Nicht-Skifahren

Katja Fischer De Santi

Katja Fischer De Santi

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Die Schweiz will nicht mitmachen beim europäischen Alpen-Lockdown. Während die Länder um uns herum fast täglich schärfere Massnahmen durchsetzten, erholte sich Familie Schweizer am Wochenende im Neuschnee vom Coronastress. Man gönnt sich in diesen entbehrungsreichen Zeiten ja sonst nichts. Skifahren ist in diesem Land ein ungeschriebenes Grundrecht, da mögen sich die Infektionszahlen wie Berge erheben, etwas Schneegestöber muss sein, um das Volk (und die Bergkantone) bei Laune zu halten.

Nur auf der Piste geht noch die Post ab

Also Helm und Maske auf, die Ski in die Hand und dann todesmutig hinein in die Talstation mit der Hundertschaft an Verzweifelten, denen nichts mehr anderes zu tun bleibt am Sonntag. Die Läden geschlossen, die Türen der Museen verriegelt, die Hallenbäder leer, sogar die Fitnesscenter sind verwaist, nur auf den Pisten dieses Landes geht noch die Post ab. Wer kann es ihnen verübeln?

Freunde und Freundinnen des Schneesports wenden nun ein, dass man Ski und Snowboard aus topografischen Gründen im Freien fährt, wo sich die Viren verdünnisieren. Viel frische Luft stärke zudem das Immunsystem. Alles gut also.

Mit Schädelbruch in der Notfallaufnahme

Sicher ist das Risiko einer Ansteckung beim Slalomfahren kleiner als beim Bahnenschwimmen im Hallenbad. Doch Schwimmer wie auch Museumsbesucher füllen mit ihren Beinbrüchen und Schädeltraumata keine Notfallaufnahmen. Und auch in der Unfallstatistik der Suva erscheinen sie kaum. Skifahren hingegen ist ein Risikosport. Eine luxuriöse Freizeitbeschäftigung, die sich immer weniger leisten können. Skifahren ist kein Grundrecht, sondern ein Egotrip, da ist Geschenke einkaufen in der Innenstadt direkt eine altruistische Beschäftigung dagegen.

Niemand muss in einem Jahr wie diesem, bei Infektionszahlen wie diesen, unbedingt Skifahren gehen.

In Deutschland geht seit einiger Zeit der Twitter-Hashtag #klatschenfürSkifahrer um. Losgetreten hat ihn ein Online-Satiremagazin, übernommen haben ihn sehr schnell Intensiv- und Notfallpflegende. In kurzen Videos danken sie den Skifahrern für ihren schmerzhaften Verzicht. Denn die deutschen Skifahrer seien die wahren Verlierer dieses Coronajahres, verkünden sie. Kaum vorstellbar, wie es für sie sein müsse, diese Weihnachten nicht auf die Piste zu dürfen.

Da seien 18-Stunden-­Schichten bei sterbenden Patienten, überfüllte Stationen und mehr als 150 mit Covid-19 verstorbene Ärzte und Pflegende nichts dagegen. Die Gesichter der Ärztinnen und Pfleger in den Videos sind müde, ihr träges Klatschen verhallt in der Nacht. Die Ironie ist beissend, aber sie bringt die Dekadenz auf den Punkt. Es geht um Verzicht und Solidarität. Nicht Ski zu fahren, sich nicht für 100 Franken pro Tag auf einen Berg schleppen zu lassen, keine Notfallstationen zu belasten, nicht in der Schlange zu stehen, ist ein kleiner Preis.

2. Pro: Schaut doch lieber bei euch selbst

Anna Miller

Anna Miller

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Pro Schaut doch lieber bei euch selbst Herzlichen Glückwunsch, liebe Polizistinnen und Polizisten im Dienst, ihr könnt nun alle blau­machen – nichts mehr zu tun. Euren Job übernehmen ein paar Hunderttausend Bürgerinnen und Bürger, die in ihrem Leben offenbar nichts Besseres zu tun haben, als sich über andere, ihnen fremde Menschen aufzuregen, die übers Wochenende noch ein bisschen frische Luft schnappen gingen, bevor uns der drohende Lockdown endgültig sozial und mental erstickt.

Nun denn, die Leute sind nicht immer Herr ihrer Lage, sie werden emotional, sie spüren sich nicht immer gleich, und manchmal sind sie auch stellenweise ignorant, dumm und egoistisch, manchmal stellen sie dann fröhliche Bilder von sich ins Netz, die sie ausgelassen auf einer Skipiste zeigen, und das, obwohl wir anderen uns hart an der Nase nehmen und seit Wochen unser Haus nicht mehr verlassen. Dumm gelaufen. Nicht besonders feinfühlig. So weit einverstanden.

Doch jetzt wieder ein Riesendrama zu machen und mit dem Finger wieder auf die wenigen zu zeigen, die sich vermeintlich amüsieren, während wir anderen leiden, ist ehrlicherweise nicht die Schuld der Schnee-Menschen, sondern vielmehr unsere ganz eigene. Haben sich diese Menschen nicht an die offiziellen Regeln gehalten? Vielleicht stellenweise. Haben sie etwas Illegales getan? Wohl nicht.

Die eigenen Sehnsüchte aufgezeigt – und sich ein bisschen mehr Freiheit gegönnt

Haben sie uns damit aber vielleicht vor Augen geführt, dass wir auch Sehnsüchte, Träume und Lust auf ein bisschen Spass haben, wir uns aber in unserem eigenen Leben gerade recht herzlich wenig davon gönnen? Das ganz sicher.

Statt mit dem Finger auf andere zu zeigen und sich wieder künstlich darüber aufzuregen, was sich die anderen! Frechheit! Alles Erdenkliche! Erlauben!!!, kehren wir doch einfach mal vor der eigenen Türe. Wir müssen dazu weder alle auf den gleichen Berg rennen noch rücksichtlos und arrogant sein – doch wir können von diesen Menschen, die für sich selbst abgewogen und entschieden haben, wie sie mit der aktuellen Lage selbstbestimmt umgehen wollen, sicher auch lernen.

Selbstbestimmtheit

Sehen wir sie also nicht primär als Gefahrenquelle, und jubeln wir ihnen nicht pauschal Menschenhass unter. Geben wir uns nicht der Empörungsbewirtschaftung hin, die sowieso gerade allerorts ihr Unwesen treibt und uns gesellschaftlich nur destabilisiert.

Fragen wir uns stattdessen lieber: Wo ziehe ich ganz persönlich meine Grenzen? Wo schränke ich mich freiwillig ein? Aus welchen Gründen? Wo brauche ich Freiheiten, welche sind das, und wie kann ich mir selbst diese Zeit freier gestalten, ohne dass ich dabei jemandem schade? Nur so finden wir zu einem Gefühl von Selbstbestimmtheit zurück – etwas, das wir in der Krise für unsere mentale Stabilität fast notwendiger brauchen als jede noch so kühle Prise Bergluft.