Unsere kleine Stadt
100 Tage Elisabeth Ackermann

Unsere kleine Stadt und ihre neue Regierungspräsidentin. Zum Autor: Daniel Wiener liess sich bei der früheren «National-Zeitung» zum Journalisten ausbilden. Er ist Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
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Regierungspräsidentin Elisabth Ackermann absolvierte das Ritual der 100 Tage-Bilanz auf eine ungewöhnliche Art.

Regierungspräsidentin Elisabth Ackermann absolvierte das Ritual der 100 Tage-Bilanz auf eine ungewöhnliche Art.

Kenneth Nars

Auf unkonventionelle Art hat die neue Basler Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann das Ritual der 100 Tage-Bilanz absolviert. Sie blickte nicht vorwärts, wie es nach dieser ersten Periode Brauch ist, sondern bereits ein erstes Mal zurück. Eigentlich hätten die Kommentatoren darüber staunen müssen, wie viel in 100 Tagen schon passiert ist. Aber sie verwechselten den Rückblick mit der sonst üblichen Vorausschau – was zu kühlen Reaktionen führte. Da liegt es nahe zu phantasieren, wie sich eine konventionelle, also vorwiegend vorausblickende, 100 Tage-Bilanz hätte anhören können: «Liebe Medienleute, danke, dass Sie heute so zahlreich erschienen sind. Natürlich ist ihnen ebenso klar wir mir, dass ich nach drei Monaten noch keinen Leistungsausweis haben kann. Ich regiere ja nicht per Dekret, wie das jenseits des Atlantiks üblich scheint. Ohne mein Zutun, habe ich jedoch drei wichtige Stellen in meinem Departement zu besetzen, und dazu möchte ich ihnen meine Absichten erklären.

Ich suche eine Kantons- und Stadtentwicklerin, die mithilft, das Potenzial von 100 Hektaren Land an besten Lagen der Stadt Basel zu nutzen, die zur Neuplanung anstehen. Natürlich darf es auch ein Mann sein, der mich dabei unterstützt, den Wohnungsbau voran zu treiben, auch den preisgünstigen, die Wirtschaftskraft Basels zu stärken und zu diversifizieren und die Stadt der kurzen Wege grün und sozial zu gestalten. Statt wie in der Vergangenheit 500, brauchen wir 1000 neue Wohnungen pro Jahr, um der Nachfrage gerecht zu werden und zu vermeiden, dass die neu geschaffenen Arbeitsplätze zusätzlichen Pendlerverkehr erzeugen. Ich suche einen Kulturchef, der dafür sorgt, dass die Basler Kulturbetriebe ihr Einzugsgebiet ausdehnen können. Es darf auch eine Frau sein, die mir hilft, bestehende Kapazitäten in Theatersälen, Kinos, Konzerthallen und Museen besser zu nutzen, indem wir mehr Menschen für unser hoch stehendes Angebot begeistern. Dazu gehört sicher eine innovative Preispolitik, aber auch eine bessere Bekanntmachung der Angebote jenseits der Kantons- und Landesgrenzen. Von den öffentlichen Verkehrsmitteln erwarte ich, dass sie auch spätabends regelmässig und zuverlässig alle Winkel und Ecken der trinationalen Stadt Basel mit ihren 800'000 Menschen erreichen. Alle wichtigen Städte im Umkreis von einer Stunde müssen abends besser erreichbar sein. Dazu gehören Biel, Solothurn, Olten, Aarau und Lenzburg. Das U-Abo sollte bis dorthin reichen, dann hat Basel ein Millionenpublikum und auch mehr Potenzial auf dem Arbeitsmarkt. Dies ist nicht nur ein verkehrspolitisches, sondern auch ein kulturpolitisches Anliegen.

Und schliesslich suche ich eine Beauftragte, die den Religionsdialog wie ich als Teil eines breiteren, interkulturellen Dialogs interpretiert, der in einer Stadt mit einem Ausländeranteil von 35% besonders wichtig ist. Wir wollen nicht nur Menschen aus über 100 Nationen bei uns willkommen heissen, auch die anderen 65 Prozent sollen sich weiterhin hier zu Hause fühlen. Dies bedarf in Zukunft besonderer Anstrengungen, denn der Ausländeranteil wird noch eine Zeit lang weiter zunehmen. Messen Sie mich, meine sehr verehrten Damen und Herren daran, ob ich für diese drei wichtigen Stellen jene Menschen finde und anstelle, die diese Aufgaben im Sinne unseres Kantons und der von mir skizzierten Politikschwerpunkte erfüllen können. Ich freue mich auf diese Arbeit und auch auf die Zusammenarbeit mit ihnen, liebe Medienschaffende. Haben sie Fragen?»