Das Baselbiet zwischen gestern und heute
Als sie für eine milde Gabe von Haus zu Haus zogen

Thomas Schweizers Gedanken zum bevorstehenden Jahreswechsel mit einer klaren Aussage: «Fürs Baselbiet wünsche ich mir eine weniger depressive Stimmung.»

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Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk
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Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk
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Das Basler Silvester-Feuerwerk
Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk
Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk
Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk

Buntes Farben-Spiel über dem Rhein in Basel am Silvester-Feuerwerk

Noch nicht ganz, aber bald. Ältere Leute im Baselbiet erinnern sich vielleicht noch an das scherzhafte Sprüchlein «Hüt isch Silveschter und morn isch Neujohr, gimmer e Batze, süscht nimm di am Ohr.» Der kindliche Satz (mit Varianten) soll, laut Volkskundler Eduard Strübin, vor allem im Raum Liestal und im oberen Kantonsteil verbreitet gewesen sein. Ob auch im Unterbaselbiet, geht aus seinen Ausführungen (in den «Baselbieter Heimatblättern», Jahrgang 11, März 1947) nicht hervor. Ja, so harmlos und unschuldig war die Zeit im früheren Baselbiet.

So anders ist sie heute. Da verlangt man keinen «Batzen», sondern es wird hart um einen «80-Millionen-Deal» gerungen. Der Ausgang zum Jahresende: offen. Und wir fragen uns, wer von den Land- oder Stadtbaslern zieht wen am Ohr, und wer zieht wen über den Tisch? Ach, wenn ein einfacher Citoyen wie ich das wüsste.

Von beiden Seiten versichert man mir glaubwürdig: Der andere ist es. Wem gehört das Ohr überhaupt? Unserer Universität natürlich. Manchmal scheint mir, eine ländliche Volkspartei sei vor lauter Jammern ob der Baselbieter Finanzmisere etwas schwerhörig geworden. Nicht verwunderlich, wenn man, parallel zum kantonalen Ächzen und Stöhnen, an das laute Politgetöse zwischen dem 18. Oktober und den Bundesratswahlen denkt.

Thomas Schweizer ist Autor, Lokalhistoriker und Literat. Der frühere Mittelschullehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof lebt in Füllinsdorf.

Thomas Schweizer ist Autor, Lokalhistoriker und Literat. Der frühere Mittelschullehrer am Basler Gymnasium Bäumlihof lebt in Füllinsdorf.

bz

Item. Wir stecken mitten in den dunklen, mystischen «Zwölf Nächten», die früher durch allerlei Schabernack und Mummenschanz etwas Heiterkeit in die düsteren Tage bringen sollten. Wir sind also in dieser schwebenden und geschichtslosen Zeit zwischen zwei Jahren. Das alte schleppt sich wie eine müde gewordene und verblühte Lady dahin, satt vom weihnachtlichen Fondue chinoise und auf das Feuerwerk an Silvester wartend. Dann darf sie gehen. Schön war sie nicht, unsere alte Dame, denn zu oft zeigte sie eine hässliche Fratze. Trotzdem: Die vorweihnachtlichen Grüsse zu den «Frohen Festtagen» werden jetzt durch gute Wünsche für das neue Jahr abgelöst. Wir wissen: Sie nützen nichts. Deshalb sehne ich mich in jene Märchenwelt zurück, als das Wünschen noch geholfen hatte. Wenigstens bei den Brüdern Grimm soll das der Fall gewesen sein.

Nun ist es so, dass das Wünschen in unserer Zeit des harten Realismus und Pragmatismus ausgedient hat. Nur manchmal überkommt mich eine seltsame Melancholie, und als Hobby-Pathologe, der selber ständig an seinem Baselbiet leidet – auch so eine Marotte von mir – , glaube ich nicht mehr an die Zeiten, als mein Kanton wie ein stolzer und kraftvoller Bursche daherkam. Aber ein so geknickter Schluurpi mit leeren Hosentaschen müsste er auch nicht sein. Oder hat ihm die ganze Schwetti von Glühwein an den Weihnachtsmärkten den Rest gegeben? Nahtlos geht es übrigens gleich nach Neujahr mit den tausend Apéros weiter. Man geht gerne hin, um sich zu zeigen. In Baselland werfen zudem bereits die Gemeindewahlen vom 28. Februar ihre Schatten voraus. Schon wieder Politik, schon wieder Fragen ums liebe Geld.

Wenn ich trotzdem zwei, drei Wünschlein äussern dürfte, dann die: Die ländlichen Baselbieter mögen doch ein entspannteres und positiveres Verhältnis zur Stadt Basel finden, und die Städter auf ihrem erfolgreichen Weg weiterfahren, vom hohen Ross herunterkommen und die Arroganz etwas zügeln. Ich verstehe Basel, diese wunderbare Stadt (journalistische Schwerenöter und Weltschmerzler in Basel sind im Unrecht), dass sie sich nicht alles bieten lassen will.

Dennoch: Im Verhältnis zum Baselbiet liegt noch Entwicklungspotenzial, gibt es noch Luft nach oben. Dann brauchen die verängstigten Landschäftler auch keine Freiheitsbäume mehr aufzustellen und keine Höhenfeuer mehr zu zünden. Fürs Baselbiet aber wünsche ich mir eine weniger depressive Stimmung. Der Spardruck und die gegenseitigen Vorwürfe wie an der letzten Landratssitzung lähmen den Fortschritt und bringen obendrein den Kanton in Verruf, ein unzuverlässiger Partner zu sein.

Volkskundler Eduard Strübin berichtet noch von einem anderen Silvester- und Neujahrsbrauch. Früher seien die jungen Leute von Haus zu Haus gezogen, hätten Lieder gesungen und – Sie erraten es – auch um etwas Pinkepinke gebeten. Das bringt mich auf eine heutige Idee: Wie wäre es, wenn die Mitglieder des Regierungsrates, zusammen mit ihren verbündeten Landrätinnen und Landräten, auch von Haus zu Haus zögen und mit dem Hut in der Hand um eine milde Gabe betteln würden? Vielleicht ist das einer der Wege, um den Finanzdrachen etwas zu bändigen. «Jede Rappe zellt»!

Nach diesem einleuchtenden Vorschlag wünsche ich allen Leserinnen und Lesern der bz ein gutes neues Jahr. Hoffen wir wenigstens, dass es sowohl in der Welt draussen als auch in unseren persönlichen Bereichen ein gutes werden möge. Arbeiten wir weiter glaubwürdig und effizient an den Grundlagen für eine lebenswerte Zukunft unserer Nachkommen. Fürs Erste aber wünsche ich Ihnen «e guete Rutsch»!