Kommentar
Das ist postfaktisch

Wieso man selbst Archiv-Aufnahmen mit Herbert von Karajan nicht mehr unbedingt trauen sollte.

Bojan Stula
Bojan Stula
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Herbert von Karajan (1908–1989).Unitel/DG

Herbert von Karajan (1908–1989).Unitel/DG

Endlich weiss ich, was postfaktisch ist. Im Internet findet sich unter www.youtube.com/watch?v=SqIAPZwI9QQ ein Videoclip, in dem Herbert von Karajan am Wiener Neujahrskonzert 1987 den «Drina-Marsch» dirigiert. Ich bin zufällig darauf gestossen. Das Publikum klatscht begeistert im Takt mit, und der Maestro geniesst es sichtlich, von den Wienerinnen und Wienern gestenreich noch mehr Einsatz zu verlangen. Jeder Einsatz, jeder Ton des Orchesters sitzt perfekt.

«Welche Ironie», schreibt ein Unbekannter in der Kommentarspalte zum Video. Ausgerechnet das Wiener Publikum beklatscht frenetisch eine Komposition, die zu Ehren des Siegs der serbischen Armee am Berg Cer über die einfallenden, weit überlegenen Österreicher entstanden ist. Der ausserhalb seiner Heimat unbekannte Stanislav Binički komponierte das eingängige Stück 1914 zu Ehren der gefallenen Soldaten in der ersten grossen Schlacht im 1. Weltkrieg. Obschon er auch von Cliff Richard gecovert worden ist, geniesst der «Drina-Marsch» heute wegen des propagandistischen Missbrauchs durch serbische Nationalisten einen eher zweifelhaften Ruf.

Umso bemerkenswerter, wie der grosse Hebert von Karajan den Marsch 1987 zelebriert hat. Das Dumme ist nur: Der Clip ist eine Fälschung. Geradezu meisterhaft hat ein anonymer Witzbold die Aufnahmen zum «Radetzkymarsch», der tatsächlich in diesem Konzert gespielt wurde, mit Biničkis Musik unterlegt und als «Archivaufnahme» ausgegeben. «Mir ist es egal, wenn es eine Montage ist», schreibt an anderer Kommentator, «dieser Clip ist so gut, dass dieser Auftritt für mich auch in Wirklichkeit so passiert ist.» Das ist postfaktisch.