Gastkommentar
Das Recht auf Beteiligung für alle verwirklichen

«Der Landrat konnte sich bisher nicht dazu äussern.» Der Gastkommentar zum Armutsbericht des Kantons Baselland von Claude Hodel. Der Autor ist Sozialdiakon und Mitarbeiter der ATD Vierten Welt und lebt in Reinach.

Claude Hodel
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Sozialhilfeempfangende dürfen nicht diskriminiert werden. (Symbolbild)

Sozialhilfeempfangende dürfen nicht diskriminiert werden. (Symbolbild)

Keystone/AP/ROBERTO PFEIL

Partizipation ist ein Grundrecht unserer Gesellschaft und kein gut gemeintes Geschenk. Dies gilt auch für jene, die arm sind und sich sozial ausgegrenzt fühlen. Ein Armutsbetroffener sagte mir: «Sozialhilfeempfangende dürfen nicht diskriminiert werden. Oder anders gesagt, Menschen, die von der Sozialhilfe abhängig sind, darf man nicht abschätzig behandeln. Denn im Vergleich zu Arbeitslosen haben es Sozialhilfeempfangende heute viel schwieriger.»

In einer Zeit, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinandergeht, wird es enorm wichtig, armutsbetroffenen Menschen eine Stimme zu geben, damit sie in Würde leben können. Genau das tat der Armenpriester, Joseph Wresinski, Gründer der Bewegung ATD Vierte Welt, als er 1956 das Obdachlosenlager bei Paris übernahm. Zehn Jahre lang teilte Père Joseph (wie er häufig genannt wurde) das Leben von etwa 250 Familien, die dort in röhrenförmigen «Nissenhütten» untergebracht waren. Wresinskis Ziel war es, Menschen, die weltweit in extremer Armut leben, als gleichberechtigte Partner ins politische, wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Leben einzubinden. Mit der Einweihung einer Steinplatte zu Ehren der Opfer von Hunger, Elend und Gewalt am 17. Oktober 1987 auf dem Trocaderoplatz in Paris begründete Wresinski den «Welttag zur Überwindung der Armut und Ausgrenzung». Seine Botschaft: «Wo immer Menschen dazu verurteilt sind, im Elend zu leben, werden die Menschenrechte verletzt. Sich mit vereinten Kräften für ihre Achtung einzusetzen, ist heilige Pflicht.»

Am 12. Februar 2017 jährt sich der Geburtstag von Joseph Wresinski zum 100. Mal. Ein Grund, darüber nachzudenken, wie existenzgefährdete Menschen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Im Kanton Baselland leben 17 000 Personen unter dem Existenzminimum. Der 2014 erstellte Armutsbericht, bei dem Betroffene keine Möglichkeit hatten sich einzubringen, wurde 2015 von der Regierung zwar abgesegnet, doch das Parlament konnte dazu keine Stellung nehmen. Nun bringt ein Postulat den Armutsbericht wieder auf die Traktandenliste des Landrates. 40 Landräte haben das Postulat unterschrieben. Sie fordern die Regierung auf, gemeinsam mit den Gemeinden eine ganzheitliche Strategie gegen die Armut im Kanton zu erarbeiten.

Ich hoffe sehr, dass dieses Postulat überwiesen und ein wichtiger Schritt getan wird, damit das Recht auf Beteiligung aller realisiert werden kann. Es wäre ein kleines Geschenk für die Betroffenen, die am 12. Februar an den 100. Geburtstag des 1988 verstorbenen Armenpriesters Joseph Wresinski denken.

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