Gastkommentar
Das zeugt von Respektlosigkeit

Gastkommentar zur Gleichstellung in der Bankenwelt. Die Autorin ist pensionierte Lehrerin, Autorin, ehemaliges Mitglied der regierungsrätlichen Kommission für Gleichstellung BL sowie Mutter einer Tochter.

Ulrike Pittner
Ulrike Pittner
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Sexismus im Sprachgebrauch: E-Banking noch nicht im Jahr 2017 angekommen.

Sexismus im Sprachgebrauch: E-Banking noch nicht im Jahr 2017 angekommen.

Keystone

Mit E-Banking wollte ich bis jetzt nichts zu tun haben. Um meine Zahlungen persönlich am Bankschalter und nicht auf elektronischem Weg zu erledigen, habe ich weder Kosten noch Aufwand gescheut. Doch als das Festhalten am konventionellen Banking unverhältnismässig aufwendig und teuer wurde, habe ich zähneknirschend kapituliert und mir auf meiner Bank einen E-Banking-Vertrag geholt.

Irritiert nahm ich dann zur Kenntnis, dass sich dieser Vertrag nicht an mich als Kontoinhaberin richtet, sondern an einen Kontoinhaber. Im folgenden Text tauche ich als Kundin ab und zu mal auf und immer wieder unter. Am Schluss ist keine Unterschrift von mir, sondern von einem Kontoinhaber gefragt. Um den Vertrag korrekt unterschreiben zu können, machte ich mir die Mühe, die sich kein einziger Bankkunde je hat machen müssen: Ich ergänzte handschriftlich überall dort, wo sie fehlen, die Kontoinhaberin, die Kundin, die Bevollmächtigte, die Unterzeichnende. Erst dann konnte ich den Vertrag unterschreiben und zur Bank bringen.

Eine Woche später sollte ich die Zugangsdaten für mein E-Banking erhalten. Doch statt der Daten erhielt ich den Bescheid: «Da handschriftliche Änderungen auf dem Vertrag vorgenommen wurden, dürfen wir diesen so nicht akzeptieren. Bitte unterzeichnen Sie beiliegenden Vertrag neu, damit wir Ihnen die Zugangsdaten fürs E-Banking zustellen können.» Nun sass ich ein zweites Mal vor diesem Vertrag, der nicht für Bankkundinnen formuliert ist. Was tun? Ohne meine Unterschrift würde ich nicht die von mir gewünschten Daten erhalten. Ich fühlte mich erpresst. Doch mir blieb keine Wahl. Ich unterschrieb und fügte wenigstens eine entsprechende Bemerkung bei.

Seitdem frage ich mich, wie eine Bank einfach ignorieren kann, dass seit Jahrzehnten eine öffentliche Diskussion über Sexismus im Sprachgebrauch geführt wird. Universitäten und kantonale Verwaltungen haben den Zeitgeist eines neuen Sprachbewusstseins erfasst, Richtlinien für eine gerechte Sprache formuliert und sie in entsprechende Texte und Formulare einfliessen lassen.

Doch in der Bankenwelt herrscht offenbar ein anderer Geist. Kundinnen suchen vergeblich nach einer sprachlichen Wertschätzung in Bankpapieren. Sie werden sogar genötigt, zu akzeptieren, dass sie in Verträgen nicht durchgängig der Rede wert sind. Im Verwaltungsrat meiner Bank sitzen vier Bankrätinnen und sechs Bankräte. Warum gehört es nicht zu ihrer Geisteskultur, einen Zusammenhang zwischen sprachlicher Wertschätzung und realer Wertschätzung von Menschen zu sehen?

In einem Vertrag Kundinnen einmal zu erwähnen und einmal unerwähnt zu lassen, sie einmal zu meinen und einmal nur mit zu meinen, zeugt von Respektlosigkeit. Das Verfügen über Frauen auf sprachlicher Ebene ist der geistige Nährboden für das Verfügen über Frauen auf der Handlungsebene. Bis wohin das gehen kann, führen uns Weinstein und Co. immer wieder vor Augen.

Wäre es nicht an der Zeit, dass in der Welt des Geldes ein Geist einkehrt, der über ein differenziertes Sprachbewusstsein verfügt und dafür sorgt, dass Bankkundinnen in sämtlichen Dokumenten und Formularen genau so der Rede wert sind wie Bankkunden?