Persönlich
Der ganz reale Religionsfrieden

Nicolas Drechsler
Nicolas Drechsler
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Und plötzlich ist er da, der Kirchturm.

Und plötzlich ist er da, der Kirchturm.

pixabay

Wenn ich morgens aus der Einfahrt komme, dann sehe ich einen Kirchturm. Das mag nun vielen unspektakulär vorkommen, für mich ist es aber neu. Bis vor wenigen Wochen sah ich gegenüber nur eine Hausfassade. Nun bietet sich mir dieser leicht dörflich anmutende, morgendliche Blick auf den Kirchturm. Ob ich aufs Land gezogen bin? Nein, gehts noch?! Ich bin nicht mal innerhalb der Stadt umgezogen. An meiner Strasse sind einfach zwei Häuser abgerissen worden, um Platz zu machen für mehr Wohnraum. Und durch die Baulücke grüsst mich ein eben erst renovierter, katholischer Sakralbau.

Das ermöglicht mir einen Ausblick, den man in Basel nur selten hat: Zu meiner Linken steht die Synagoge in ihrer byzantinischen Pracht. Zu meiner Rechten liegt das alevitische Kulturzentrum, aus dem oft die Klänge der Bağlama erklingen. Das ist jene Saz, jene Langhalslaute, die in der alevitischen Kultur eine wichtige Rolle spielt. Und nun thront also vor mir auch noch der Turm der Marienkirche. Wo die Protestanten bleiben, die in dieser Stadt seit 500 Jahren den Ton angeben? Nun, bevor sich hier jemand religiös unterdrückt fühlt, ein Schritt auf die Strasse reicht, um einen Blick auf die Pauluskirche zu erhaschen.

Das soll nun keine Predigt für Multireligiosität werden, oder eine Aufforderung, dem Synkretismus zu frönen und auf der Saz ein Loblied auf die Heilige Dreifaltigkeit zu intonieren, dabei an einer Matze zu knabbern und dabei lustfeindlich-calvinistisch aus der Wäsche zu schauen. Aber kommen sie doch mal vorbei in der Leimenstrasse und drehen sie sich einmal um ihre eigene Achse. Achten sie auf die herrschende Ruhe. Und freuen sie sich über diesen real existierenden Religionsfrieden.