Persönlich
Der rote Fetisch der Ausgrenzer

Pässe dienen der Diskriminierung, sind Instrumente der Willkür und Quelle von Korruption.

Daniel Haller
Daniel Haller
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Schweizer Pass

Schweizer Pass

Keystone

«Mach das nicht, sonst bekommst du noch Morddrohungen», meinte ein Freund, als ich sinnierte, man müsste nach einem Ja zur «Durchsetzungs»-Initiative den Schweizerpass verbrennen und den Film dazu auf Youtube stellen. Schliesslich ist der Pass das Papier, das jeden fünften Bewohner vom Grundrecht auf Verhältnismässigkeit ausschliessen soll.

Zwei Jahrzehnte lang erlebte ich, was es heisst, nicht jenen Pass zu besitzen, der zum Territorium gehört, auf dem man gerade lebt. In den 70ern erfuhr ich, dass man in Deutschland ohne Rechtsanwalt keine Aufenthaltserlaubnis bekommt, mit hingegen problemlos. In den 80ern lernte ich, dass man in Bolivien einen professionellen «Antragsteller» benötigt, der für eine schikanenlos erteilte Aufenthaltserlaubnis die Richtigen schmiert.

In den 90ern erklärte mir ein Hamburger Richter, er könne sich nur mit Bestechung erklären, dass die Dealer, die er verknackt, fünfjährige Aufenthaltsgenehmigungen haben, während harmlose Studenten halbjährlich bei der Ausländerbehörde antanzen müssen. Nach dem Schweizer EWR-Nein musste ich mich in Hamburg nachts um vier Uhr in die Schlange stellen, um sieben eine Nummer ziehen, um am Nachmittag um 15.30 Uhr endlich den Stempel zu kriegen. Dabei war ich gegenüber Inhabern noch unpassenderer Pässe sogar noch privilegiert.

Anzünden werde ich den roten Fetisch der Ausgrenzer trotzdem nicht. Nein, Morddrohungen erwarte ich nicht. Aber mein Reisepapier ist derzeit abgelaufen: Ein ungültiges Dokument abzufackeln wäre billig.

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