Mein Leben im Dreiland
Der Unmut im Elsass bleibt

Regelmässig zeigt sich die überwiegende Mehrheit der elsässischen Bevölkerung in Umfragen unzufrieden mit der Grossregion Grand Est, in der das Elsass vor zwei Jahren aufgegangen ist. 92 Prozent wollen ihre alte Region Elsass zurückhaben.

Peter Schenk
Peter Schenk
Merken
Drucken
Teilen
Das Gerberviertel Petite France in Strassburg.

Das Gerberviertel Petite France in Strassburg.

Peter Schenk

Über zwei Jahre ist es jetzt her, dass das Elsass zusammen mit Lothringen und die Champagne-Ardenne in die Grossregion Grand Est aufgegangen ist. Regelmässig zeigen Umfragen, dass die überwiegende Mehrheit der elsässischen Bevölkerung damit unzufrieden ist. Die letzte Umfrage wurde vor kurzem von vier «clubs de réflexion» in Auftrag gegeben, die man auf Neudeutsch wohl am ehesten als Think Tanks bezeichnen kann.

Nur 10 Prozent der befragten Elsässer fanden die Integration in den Grand Est eine gute Sache. 67 Prozent setzten sich für eine neue, kleinere Struktur ein, die mit erweiterten Kompetenzen in Bereichen wie Ausbildung, öV, Kultur, Zweisprachigkeit, Umwelt und der Kooperation mit der Schweiz und Deutschland ausgestattet sein soll.

Eine andere Umfrage, die die Partei Unser Land vor einem Jahr in Auftrag gegeben hatte, war zu ganz ähnlichen Ergebnissen gekommen: 92 Prozent wollten ihre alte Region Elsass zurückhaben. Am Unmut der Elsässer hat sich also nichts geändert.

400 Kilometer bis zur nördlichen Grenze

Diese neue «malaise alsacien», wie die Zeitungen das nennen, ist gut nachzuvollziehen. 57 000 Quadratkilometer ist der Grand Est gross. Das ist 16 000 Quadratkilometer grösser als die ganze Schweiz. Um von Saint-Louis bis zur nördlichen Grenze der Region Grand Est zu fahren, ist man über 400 Kilometer unterwegs.

Seltsam ist aber, dass die Elsässer im April 2013 die Möglichkeit hatten, mit der Fusion der beiden Departements und der Region Elsass eine neue Struktur zu schaffen, die ihnen später geholfen hätte, sich gegen den Grand Est zu wehren. Die Fusion scheiterte am Nein der Südelsässer und daran, dass das ausreichende Quorum an Stimmen nicht zustande gekommen war.

Die Geschichte des Elsass mit den häufigen Nationalitätenwechseln zwischen Deutschland und Frankreich führte regelmässig zu Unmut – entweder gegenüber Berlin oder Paris. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es eine intensive regionalistische Bewegung gegen Paris; kaum ein Gewählter vertrat pro-französische Positionen. Die Autonomisten unter ihnen gingen während der Annexion durch die Nazis sogar so weit, mit ihnen offen zusammenzuarbeiten.

Nach dem Krieg und der Befreiung wählte fast das ganze Elsass gaullistisch. Wohl, um von so manchem autonomistischen Fehltritt abzulenken. Viele wollten vom Dialekt nichts mehr wissen. Es war «chic de parler français». Manchmal frage ich mich daher, ob die Elsässer ohne ihre «malaise» überhaupt leben könnten. Ich würde es ihnen jedenfalls gönnen.

peter.schenk@bzbasel.ch