Mein Leben im Dreiland
Dort verboten und hier erlaubt

Es ist verrückt. Im ganzen Elsass galten seit über einer Woche wegen Feinstaubbelastung eine Reihe von Sonderbestimmungen und Verboten. Im angrenzenden Südbaden und in den beiden Basel passierte diesbezüglich rein gar nichts.

Peter Schenk
Peter Schenk
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(Symbolbild)

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Keystone/GAETAN BALLY

Mitte letzter Woche bin ich wegen einer Recherche auf dem Weg zum Jahrespressegespräch des Freiburger Regierungspräsidiums über die elsässische Autobahn Richtung Norden gefahren. Statt wie üblich mit den erlaubten 130 Stundenkilometern wälzte sich die Blechlawine der elsässischen Grenzgänger mit maximal 110 km/h nach Hause. Schuld waren die Inversionswetterlage und der Feinstaub. Da die Werte insbesondere in und um Strassburg, Colmar und Mulhouse schlecht waren, wurden die Tempolimiten um jeweils 20 Stundenkilometer herabgesetzt. Da, wo vorher 110 galt, waren es nun 90, wo man vorher 90 fahren durfte, jetzt nur noch 70.

Die Medienmitteilung der Colmarer Präfektur dazu war fast zwei Seiten lang. Verboten war auch, mit Holz zu heizen sowie Garten- und Grünabfälle im Freien zu verbrennen. Obwohl in Freiburg der Grenzwert von 50 Mikrogramm Feinstaub pro Kubikmeter ebenfalls überschritten wurde, galt nach der Abfahrt Freiburg Süd überhaupt keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Ich durfte mit Bleifuss aus meinem Golf herausholen, soviel er hergab.

Thema war der Feinstaub auch kurz auf der Jahresmedienkonferenz in Freiburg. In Südbaden ziehen die Grenzwertüberschreitungen aber im Gegensatz zu Frankreich keine Massnahmen nach sich. Jürgen Oser, beim Regierungspräsidium für die grenzüberschreitende Kooperation zuständig, berichtete, dass im Unterelsass aufgrund des Feinstaubalarms sogar die Busse und Trams gratis verkehrten. Irgendwie erinnert mich das – unter umgekehrten Vorzeichen – an die Atomkatastrophe von Tschernobyl. Damals hatten die französischen Behörden behauptet, die radioaktive Wolke würde an der Grenze Halt machen. Was im Elsass zu täglich verlängerten Schutzmassnahmen und Verboten führte, scheint auf der anderen Rheinseite ignoriert zu werden. Ganz stimmt das aber nicht. In Stuttgart klagen zwei Bürger die Behörden wegen Feinstoffwerten von über 130 Mikrogramm auf Körperverletzung mit Todesfolge und unterlassene Hilfeleistung an.

Der Grenzwert für Feinstaub gilt übrigens in ganz Europa – nur hat die Überschreitung im Gegensatz zum Elsass in der Nordwestschweiz keine Konsequenzen. Laut Lufthygieneamt beider Basel wurden im St. Johann zuletzt an fünf Tagen Werte über 60 Mikrogramm gemessen. Damit die Behörden aktiv werden, muss der Grenzwert im Tagesmittel um 150 Prozent überschritten und die Inversion für mehr als drei Tage vorausgesagt werden. Ab 75 Mikrogramm gilt die sogenannte Informationsstufe, die sich auf Empfehlungen beschränkt. Massnahmen werden erst ab 100 Mikrogramm und 150 Mikrogramm ergriffen.

Die Grenzen der französischen Vorbildfunktion zeigten sich in Strassburg. Innerhalb von vier Stunden wurden dort 600 Autofahrer erwischt, weil sie schneller als die erlaubten 70 Stundenkilometer gefahren waren. Was nützen schärfere Regeln, wenn sich niemand daran hält?

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