Geistschreiber
Edi und ich

Willi Näf
Willi Näf
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Geistschreiber Wili Näf schreibt: «Edi ist meine liebste Saftwurzel.» (Symbolbild)

Geistschreiber Wili Näf schreibt: «Edi ist meine liebste Saftwurzel.» (Symbolbild)

ALEXANDRA WEY

Edi schickt mir Filmli. Virus-Filmli. Von youtube. Youtube ist der Abwasserkanal des Internets, hier fliessen Dreck und Abschaum in die Gesellschaft hinaus. Bisweilen finden sich zwar Spuren von Wertstoffen darin, doch Edis Filmli gehören nicht dazu. Wenn er mich fragt, was ich vom neusten Filmli halte, muss ich mich entscheiden, ob ich anständig oder ehrlich antworten soll. Da Edi nicht mein einziger Filmlischicker ist, habe ich seit Wochen keine Fingernägel mehr.

Edi und ich sind gute Freunde. Ihm mute ich eine ehrliche Antwort zu. Er schickt jetzt keine Filmli mehr. Aber Tabelleli. Darin listet er die Einwohnerzahlen für die Schweiz, Italien und die USA auf, die Toten pro Jahr, die Toten pro Tag sowie die Corona-Toten der letzten «2 bis 4 Wochen» auf. Dazu fragt er mich: «Wird man in fünf Jahren in den Jahresstatistiken einen Corona Peak sehen?» Ich antworte: «Edi, ich bin kein Statistiker. Aber weisch was, schick die Tabelle nach New York. Damit auch die Lappis dort drüben merken, dass sie die Sterbenden bloss aufs Jahr verteilen müssen, um festzustellen, upsiii, Fehlalarm, alles Courant normal.»

Ein Gschichtli hab ich ihm auch noch geschrieben. Vom Staudamm, der brach. Sein Wasser riss drei Dörfer mit sich. Man trauerte. Ende Jahr entdeckte man, dass der Wasserabfluss in der Jahresstatistik im üblichen Rahmen lag. Worauf man die Trauer einstellte und beschloss, die Sicherheitsvorkehrungen für die Dörfer unterhalb der Staumauer künftig nicht mehr auf eine Flut auszurichten, sondern auf den jährlichen Wasserabfluss. Diese kostengünstige Variante weitete man aus auf Lawinenhänge und Wildbäche. Und weil drei Tage Fieber bei der Jahreskörpertemperatur auch nicht auffallen, würde man auch kein Fieber mehr behandeln.

Edi ist meine liebste Saftwurzel. Er ist 74, und ich täte viel dafür, dass er beatmet würde. «Vergiss es», brummt er, «ich habe gut gelebt und sterbe sowieso».

«Jaja», brumme ich zurück, «aber nicht gleichzeitig wie tausend andere. Du kannst später immer noch sterben, wenn’s ruhiger ist, gemütlicher für dich und mich und das Personal. Die Beerdigung wird dann auch fröhlicher.» Dann haben wir gelacht, Edi und ich.