Gastkommentar
Ein Sturmgeschütz der Demokratie

Roger Blum war Publizistikprofessor an der Uni Bern, seit April ist er Ombudsmann für die SRG Deutschschweiz. Hier sein Gastkommentar zum «Spiegel» als Pionier für den Journalismus.

Roger Blum
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(Symbolbild)

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Keystone

Als Student besuchte ich in der Migros-Klubschule am Claraplatz in Basel Woche für Woche einen Italienischkurs. Der Unterricht der Lehrerin Anna Frutig war hervorragend. Doch mit den Hausaufgaben war ich nie fertig, weil jeweils unmittelbar vor dem Kurs der «Spiegel» am Kiosk erhältlich war. Also setzte ich mich regelmässig in ein Café und verschlang das Nachrichtenmagazin, statt Italienisch zu büffeln.

Der «Spiegel» ist dieser Tage 70 Jahre alt geworden. Das ist für sich genommen noch keine besondere Leistung, denn viele Medien existieren deutlich länger; die «Neue Zürcher Zeitung» beispielsweise wird übermorgen bereits das 237. Lebensjahr erreichen.

Aber der «Spiegel» hat den Journalismus im deutschsprachigen Raum entscheidend geprägt. Dabei orientierte sich «Spiegel»-Herausgeber Rudolf Augstein an amerikanischen Vorbildern, vor allem an den Nachrichtenmagazinen «Time» und «Newsweek», die zwischen den beiden Weltkriegen gegründet worden waren. In vierfacher Hinsicht erwies sich der «Spiegel» als Pionier:

  • Er führte die «Newsstory» ein. Er erzählte die Geschichten entlang einem roten Faden und veranschaulichte die Themen durch handelnde Personen. Dabei hielt er sich mit Wertungen nicht zurück. Er verabschiedete sich also vom klassischen neutralen «Bericht».
  • Er druckte Gespräche mit wörtlich wiedergegebenen Fragen und Antworten, in denen die Journalisten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens in die Zange nahmen. Die ersten wörtlichen Interviews hatte mehr als 100 Jahre zuvor der «New York Herald» veröffentlicht, doch für den deutschsprachigen Raum war dieses Format neu.
  • Er betrieb investigative Recherche und enthüllte in Deutschland manche Affären. Er führte so in die deutschsprachige Journalismuskultur eine Methode ein, die in der Folge weitere Medien übernahmen – etwa die «Süddeutsche Zeitung» oder die «ARD», der «Tages-Anzeiger» oder die «Sonntagszeitung». Medien wurden zum Wachhund der Demokratie.
  • Er ging seismographisch neuen Entwicklungen nach und setzte Themen, die von anderen Medien aufgenommen und zum Gesprächsthema der Bevölkerung wurden. Oft erwuchs daraus ein Anstoss zu politischem Handeln.

Vor allem aber hat der «Spiegel», dieses «Sturmgeschütz der Demokratie» (Augstein), die Pressefreiheit gestärkt. Als nämlich 1962 Verteidigungsminister Franz-Josef Strauss und Bundeskanzler Konrad Adenauer den «Spiegel» wegen eines kritischen Artikels über die Bundeswehr des Landesverrats bezichtigten und Spitzenleute des Nachrichtenmagazins ins Gefängnis warfen, hatten sie die Rechnung ohne die FDP und ohne das Bundesverfassungsgericht gemacht. Die FDP zog aus Protest gegen die pressefeindliche Aktion ihre Minister aus der Regierung zurück, was bewirkte, dass Strauss als Verteidigungsminister abdanken musste. Und das Bundesverfassungsgericht stützte 1966 in seinem «Spiegel»-Urteil deutlich die Pressefreiheit und bekräftigte die Kritik- und Kontrollfunktion der Medien. Das strahlte auch in die Schweiz aus. Der «Spiegel» hat so dazu beigetragen, dass die Mächtigen in europäischen Demokratien nicht schalten und walten können, wie sie möchten.