Innensicht
Ein unvertrautes Gesicht zeigt sich

«Innensicht» wird betreut vom «Verband der PsychotherapeutInnen beider Basel». Stellen Sie Ihre Fragen an innensicht@bzbasel.ch.

Thomas Kern, Basel
Thomas Kern, Basel
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Ein unangenehmes Gespräch mit dem Chef ist nicht immer leicht zu verkraften.

Ein unangenehmes Gespräch mit dem Chef ist nicht immer leicht zu verkraften.

Sandra Ardizzone

Ich (w, 56) arbeite seit 30 Jahren in derselben Firma und habe stets beste Bewertungen bei den Mitarbeitergesprächen (MAG) bekommen. Seit einem Jahr bin ich intensiv mit der Betreuung meiner an Alzheimer erkrankten Mutter beschäftigt. Nun sind mir bei der Arbeit ein paar dumme Fehler passiert. Mein Chef hat nicht viel dazu gesagt, sondern auf das nächste MAG verwiesen, das bald stattfinden wird. Das ist mir sehr unangenehm, und ich fürchte, vor ihm das Gesicht zu verlieren. Wie kann ich mich auf das Gespräch vorbereiten?

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Ich entnehme ihrer Situationsbeschreibung, dass Sie über viele Jahre hinweg eine verlässliche und engagierte Mitarbeiterin gewesen sind. Ihre Firma anerkannte Ihre Verdienste, worauf Sie stolz sind. Sie selber kennen sich als Frau, die alles dafür tut, den Ansprüchen Ihrer Umgebung gerecht zu werden. Jetzt betreuen Sie intensiv Ihre kranke Mutter, vermutlich ebenso pflichtbewusst und sorgfältig, wie Sie üblicherweise Ihre Arbeit erledigen. Das ist eine grosse zeitliche und persönliche Bürde und bringt Sie unvermeidlich an Ihre Belastungsgrenze. Selbstverständlich hat die Arbeit im Geschäft nicht mehr immer erste Priorität. Natürlich sind Sie manchmal übermüdet oder unkonzentriert am Arbeitsplatz, sodass sich Fehler einschleichen. Ich kann mir gut vorstellen, dass das für Sie ungewohnt ist und Sie es als beschämend erleben. Ich kann auch nachvollziehen, dass Sie sich Gedanken darüber machen, was Ihr Chef dazu denken könnte.

Ich bin mir aber sicher, dass Sie beim nächsten MAG – auch wenn Ihre Fehler kritisiert werden sollten – das Gesicht nicht verlieren werden. Vielmehr hat sich bei Ihnen gerade ein anderes Gesicht gezeigt, vielleicht sogar ein authentischeres anstelle des bisherigen «idealen» Gesichts. Das irritiert Sie, und es fällt Ihnen noch schwer zu akzeptieren, dass es sich bemerkbar macht. Ist es aber tatsächlich so schrecklich wie angenommen? Ist es wirklich so unvertraut? Stösst es bei Ihrem Chef auf die von Ihnen erwartete Ablehnung?

Ich vermute, dass Sie es gewohnt sind, möglicherweise schon seit der Kindheit, sich so zu zeigen, wie es von Ihnen erwartet wird. Möglicherweise gab es nie eine Person, die Sie auch mit unangepasstem Verhalten, mit Fehlleistungen und eigenen Grenzen liebevoll angenommen hätte. Oder Sie meinten, aus sicherlich guten Gründen, Ihre Nächsten nie mit eigener Hilfsbedürftigkeit belasten zu dürfen. Vielleicht ist es Ihnen aber heute möglich, dazu zu stehen, dass die aktuelle familiäre Belastung Ihre sonst so gewohnte Leistungsfähigkeit im Geschäft stärker beeinträchtigt, als Sie es gerne möchten.

Zur Vorbereitung auf das MAG könnten Sie sich bewusst machen, dass Sie für den Betrieb eine wichtige Angestellte sind, auf deren jahrelange Erfahrung man angewiesen ist. Es wird von den allermeisten Vorgesetzten sehr geschätzt, wenn bewährte MitarbeiterInnen offen über ihre privaten Belastungen sprechen. Suchen Sie nicht nach Rechtfertigungen für Ihre Fehler, sondern stehen Sie dazu, dass Sie mit den Gedanken manchmal bei der pflegebedürftigen Mutter sind. Vielleicht könnten Sie sich auch überlegen, ob Sie vom Betrieb, für den Sie über lange Jahre hinweg so viel geleistet haben, vorübergehend Unterstützung beanspruchen möchten (Arbeitszeitreduktion, Entlastung von Verantwortung oder ähnlich). Ihr «ideales» Gesicht zu wahren, wäre in Ihrer Situation auf jeden Fall blosse Energieverschwendung und vom Arbeitgeber auch gar nicht erwünscht.