Fasnachts-Philosoph
Es darf und muss beissen

Angeblich werden die Sujets an der Fasnacht immer seichter. Stimmt das?

Naarekappe
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Sujet «Völggerball! Jedes Räppli zellt-spänd au du!» der Alti Stainlemer.

Sujet «Völggerball! Jedes Räppli zellt-spänd au du!» der Alti Stainlemer.

Juri Junkov

Die Basler Fasnacht ist nicht mehr bissig. Es fehlt den Cliquen und Schnitzelbängglern an Mut zur Persiflage und Ironie. Statt politischen Pointen ist die Fasnacht nur noch banal, selbstgefällig und somit kaum von beliebigen Karnevals- oder Faschings-Veranstaltungen zu unterscheiden, die lediglich dem Schenkelklopfen und der spassigen Ausgelassenheit dienen. Diese pauschale Meinung scheint zum Vokabular zu gehören, das manche Medienleute einander seit einigen Jahren nachbeten.

Das Gegenteil ist richtig. Allein schon die letzten drei Tage dieses Jahrgangs haben es gezeigt. Wie gewohnt und erwartet, sind Themen aufgegriffen und angeprangert worden, die uns in unserer kleineren Welt in Basel ärgern, und die Regierung ist zur Zielscheibe vieler Sujets und Verse geworden.

Aber der Bogen der Sujet-Vielfalt ist auch, von fein bis sehr ernsthaft und heftig, national und international gespannt worden, wie alleine schon einige Sujet-Titel der Cliquen am Cortège zeigen: «Mini-Schwyz: E Land uff Zwärgfuess», «Die bruuni Suppe brodlet wyter», «PEGIDA», «Fort Europa», «Völkerball», «Zämmeheebe haisst d Devise, geegen Eeländ, Grieg und Gryyse», um nur einige wenige zu nennen. Und wenn man sich die Mühe genommen hat, sich die Laternen auf dem Münsterplatz genauer zu Gemüte zu führen, dann hat man sich nicht nur schelmisch freuen können über grosse Kunst, witzige Helgen und gute Verse. Gelegentlich ist einem etwas im Hals stecken geblieben.

So etwa, wenn einem zum Sujet «Wottsch au e Schlugg?» das unmenschliche Drama der Schere zwischen unserem Überfluss und dem hungernden Teil der Welt klar und brutal vor Augen geführt worden ist. Von banaler Beliebigkeit ist die Basler Fasnacht wirklich weit entfernt. Dies zeigt einerseits die Geschichte zu Zeiten rund um die Weltkriege, anderseits aber auch ein Blick in die neuere Vergangenheit. Wie war das schon wieder mit George Bush, Guantanamo oder Hans-Ruedi Merz bei Gaddafi?

Die meisten Cliquen sind bunt zusammengewürfelte Gruppen, in denen sich nicht nur soziale Schichten, Jung und Alt, sondern auch völlig divergierende politische Ansichten vermischen. So ist es doch erstaunlich, wie sich auch grosse Cliquen immer wieder auch auf starke und pointierte Sujets einigen können, mit denen unmissverständlich in eine bestimmte politische Richtung gezielt wird. Vielleicht ist auch dies ein Merkmal für die baslerische Offenheit und Toleranz, die zu den Charakteristika unserer lieben Stadt gehören, welche wir selber gerne oft kritisieren oder zumindest in unserem Understatement herunterspielen, die jedoch aus der Aussensicht immer wieder gelobt werden.

Es darf nicht erwartet werden, dass zwanzigtausend Fasnächtlerinnen und Fasnächtler zu professionellen Polit-Kabarettisten werden. Nur wenn man das Gespür für die beissende Persiflage hat, und wenn man weiss, wie weit man mit der Satire gehen kann, ohne ernsthaft zu verletzen, dann soll, darf und muss man dies auch tun. Das ist, wenn auch die vielleicht wichtigste, so doch nicht die einzige Aufgabe unseres Brauchtums.

Daneben gehört zu unserer Fasnacht auch ein gerüttelt Mass an skurrilem Unsinn, Lebenslust und möglichst liebenswürdiger Heiterkeit. Die Basler Fasnacht lebt bekanntlich von der ganz besonderen Mischung zwischen Mummenschanz und Totentanz. Gerade die Fröhlichkeit, Farben-, Gestaltungs- und Melodienpracht geben den Boden für die Satire. Es ist mit der Fasnacht ähnlich wie mit den Spitalclowns, die mit Fröhlichkeit und Spass den Kindern das Leiden erträglicher machen.

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