Organspende
Es geht um Leben und Tod

Waren Organspende, Sterbehilfe & Co. bis vor wenigen Jahren noch Tabus, so beginnt unsere Gesellschaft nun , sich darüber Gedanken zu machen und auch darüber zu sprechen. Der Basler Kommentar über Organspende, Sterbehilfe und die Bedeutung von Gesprächen über heikle Themen

Andrea Elisabeth Knellwolf
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Organspende - im Bild eine Niere

Organspende - im Bild eine Niere

Keystone

«Nur über meine Leiche!», flapste mein Schmidtsi, als ich ihn fragte, ob er mir sein Herz schenken mag. «Deal!» konterte ich und damit war das Thema für den Rest des Abends gesetzt: Waren Organspende, Sterbehilfe & Co. bis vor wenigen Jahren noch absolute Tabus, so beginnt unsere Gesellschaft nun langsam, sich darüber Gedanken zu machen und zum Glück auch darüber zu sprechen. So möchte der Nationalrat, dass man künftig beizeiten und bei klarem Verstand kundtut, dass man seine Organe nach dem Tod nicht an einen lebenden Menschen weitergeben mag.

Hier waren uns mein Schmidtsi und ich für einmal völlig einig: Wenn es ein Mensch zu Lebzeiten verpasst, diese Frage für sich bewusst zu entscheiden, war sie wohl zu wenig gewichtig für ihn und es ist gut, wenn künftig das Recht auf Leben höher gewichtet wird, als die Unversehrtheit eines Leichnams. Und nach meiner Überzeugung kehrt sowieso alles Körperliche in den ewigen Kreislauf der Natur zurück; warum also die brauchbaren Teile nicht vorher noch dem endlichen Kreislauf eines Mitmenschen zur Verfügung stellen?

Auch beim Thema Patientenverfügung waren wir noch auf einer Linie: Nur schon die Rücksicht gegenüber den Mitmenschen gebietet es, klare Regelungen zu hinterlassen und damit die Angehörigen oder das Pflegepersonal nicht der unlösbaren Aufgabe auszusetzen, entscheiden zu müssen, was dieser Mensch wohl gewollt hätte. Erst beim Thema Suizidbegleitung traten unsere unterschiedlichen Auffassungen über Leben und Tod zutage: Für meinen Schmidtsi als Arzt ist es völlig undenkbar, einem Menschen ein todbringendes Medikament zu überreichen. Ich als Juristin stehe dem viel offener gegenüber, auch wenn ich durchaus noch ungelöste Fragen auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene sehe: Die gesetzliche Grundlage und behördliche Kontrolle ist heute noch ungenügend.

Das Thema muss - entgegen der Meinung des Bundesrates und unserer Kantonsregierung - in einem spezifischen Gesetz geregelt werden und gehört in letzter Konsequenz - ebenso wie die Entwicklung der Palliativmedizin - in staatliche Hände. Diese fundamentalen Themen stellen uns noch vor eine solche Vielzahl und Bandbreite von unbeantworteten Fragen, dass schnell klar ist: Hier stehen wir erst am Anfang. War ein Durchschnittsalter um 80 Jahre noch für unsere Grosseltern jenseits jeder Vorstellung, so reden wir heute bereits von «Lebensqualität vor Lebensverlängerung». Die Medizin schreitet so schnell voran, dass wir kaum Zeit haben, uns über unsere Überzeugungen und Gefühle klar zu werden. Reden wir also darüber!
Und bei aller Schwere des Themas: Wie schön war es, als mein Schmidtsi und ich uns am Schluss dieser aufwühlenden Debatte in die Augen schauen konnten, voller Dankbarkeit für unsere Gesundheit und das Leben überhaupt. Ganz klar: Ich habe einen Organspenderausweis und mein Schmidtsi hat mein Herz auf sicher. Im Hier und Jetzt sowieso.