Gastkommentar
Es ist die Wirtschaft, Dummkopf, nicht der Patient!

Gastkommentar zur Debatte über die Gesundheitsversorgung in der Region Basel. Der Autor ist ehemaliger Chefarzt des Bruderholzspitals und Mitinitiant der Volksinitiative «Rettet des Bruderholzspital».

Hans Kummer
Hans Kummer
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Schweiz am Wochenende

Heute wird die Gesundheitspolitik belebt von Visionen, Kommissionen, Medien Mitteilungen und Werbeinseraten. Im Vordergrund stehen dabei meist wirtschaftliche Aspekte und nicht die Bedürfnisse des Patienten. Engagiert sind vorwiegend Politiker und Berater des Gesundheitswesens. Ärzte und Pflegefachpersonen sind nur randständig vertreten. Das Vorherrschen fachfremder Entscheidungsträger führt oft zu Ergebnissen, die aus ärztlicher Sicht nach einem Widerspruch rufen.

Ein Beispiel ist der falsche Ansatz für die Sicherstellung der universitären Medizin in unserer Region. Das Einzugsgebiet der Universität Basel für die universitäre, hoch spezialisierte Medizin (HSM) umfasst eine gute halbe Million Einwohner, ein absolutes Minimum, um die für die Zuteilung der Leistungsaufträge erforderliche Patientenzahl zu erreichen. Das Beschlussorgan der kantonalen GesundheitsdirektorInnen für die HSM hat sich am 23. November 2017 mit der hoch spezialisierten Viszeralchirurgie befasst und eine Liste der Spitäler erstellt, die die nötigen Kriterien erfüllen.

Für die Oesophagusresektion (chirurgische Behandlung des Speiseröhren Karzinoms) wird auf dieser Liste das Universitätsspital Basel nicht mehr aufgeführt, offensichtlich wegen zu geringer Fallzahl. Vorläufig handelt es sich hier nur um eine Vernehmlassung, trotzdem ist die Lage ernst. Nun äussern die Wortführer der Gesundheitspolitik, man müsse zur Aufrechterhaltung der universitären Medizin in Basel, respektive der Sicherstellung von genügend Patienten der HSM, die stationären Abteilungen der Spitäler Laufen und Bruderholz im Rahmen einer Spitalfusion schliessen.

Fakt ist, dass die Spitäler Bruderholz und Laufen schon immer die Patienten der HSM ins Universitätsspital Basel verlegt haben. Das heisst, die Schliessung dieser medizinischen und chirurgischen Kliniken wird dem Universitätsspital keinen einzigen zusätzlichen Patienten der HSM bringen. Der drohende Mangel an HSM Patienten im Universitätsspital muss viel mehr im Verbund mit weiteren anliegenden Kantonen und mit den konkurrierenden und hochkompetenten Privatspitälern der Region gelöst werden, die in den bisherigen Planungen zu wenig einbezogen wurden. Der Erhalt der universitären Medizin in unserer Region ist ein höchst prioritäres Anliegen, das nicht mit Alibiübungen vernebelt werden darf.

Gibt es bessere Gründe für die Schliessung der stationären Abteilungen in den Spitälern Laufen und Bruderholz? Der Bettenabbau würde Kosten einsparen, wird verlautet. Das könnte zutreffen, wenn in anderen Spitälern der Umgebung leere Betten verfügbar wären. Die Tatsache, dass in mehreren Spitälern unserer Region Erweiterungen geplant und gebaut werden ist ein Indiz, dass die Spitalbetten schon jetzt knapp sind und diese postulierten leeren Betten nur in den Köpfen der Gesundheitsplaner existieren. Das heisst aber auch, dass ein Bettenabbau heute zu einem Bettennotstand führen wird. Wer wird darunter leiden?

Nicht der Privatpatient, der Gewinn einbringt, auch nicht der Allgemeinpatient, der wegen eines kleineren operativen Eingriffs für eine Kurzhospitalisation eingeplant wird und auch rentiert, sondern der akut kranke, polymorbide und stark pflegebedürftige Patient, der in keinem Spital Gewinn abwirft und für den dann niemand ein freies Bett haben will. Nach mehrstündigem Warten auf der meist überfüllten Notfallstation läuft er Gefahr in ein Pflegeheim verlegt oder nach Hause geschickt zu werden. Der Patient kommt so kaum in den Genuss einer optimalen Behandlung seiner akuten Erkrankung, aber dafür erwachsen dem Kanton keine Kosten. Wo bleibt hier die soziale Verpflichtung unseres Staates?

Es ist nicht alles falsch, was geplant wird

Auch die Erwartung, dass eine forcierte Verlegung stationärer Patienten in den ambulanten Bereich Betten einsparen könne, wird überschätzt. Die Tatsache, dass sich die Bettenzahl in der Schweiz zwischen 1980 und 2011 um 35% und die Dauer des Spitalaufenthaltes von 25,4 auf 9,4 Tage verringert haben, macht deutlich, dass die «Ambulantisierung» seit langem aktiv betrieben wird und ihre Möglichkeiten weitgehend ausgeschöpft sind. Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, dass ich alles für falsch halte, was geplant wird.

Die Aufwertung und Zusammenlegung der ambulanten Medizin auf dem Bruderholz erscheint auch aus ärztlicher Sicht sinnvoll und liegt im Trend unserer Zeit. Ob dies auch für den Aufbau einer zentralen, elektiven Orthopädie zutrifft, wage ich zu bezweifeln. Die Orthopädie war früher auf dem Bruderholz eine über die Landesgrenzen hinaus anerkannte erfolgreiche Klinik, die unter jahrelangem Bashing und unglücklichen Entscheiden der Behörde schwer gelitten hat.

Kann man all dies wieder ungeschehen machen? Ich zweifle, umso mehr als der Bedarf eines weiteren elektiven orthopädischen Zentrums in der Region sehr umstritten ist. Die Orthopädie garantiert aber bei den heute gültigen Tarifen satte Gewinne. Ist dies vielleicht der Grund für den Plan dieses orthopädischen Zentrums? Ist man sich der Gefahr bewusst, dass damit mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Überangebot geschaffen wird, das fraglich indizierte operative Eingriffe begünstigt. Wo ist die unabhängige Bedarfsanalyse?

Eine weitere Blüte der modernen Gesundheitsplanung ist das vor wenigen Monaten bekannt gewordene Projekt eines öffentlich-rechtlichen Ambulatoriums mit ungefähr 40 Ärzten im dereinst neuen Bahnhofgebäude in Liestal und andere sind offenbar geplant. Dies ist eine geballte Konkurrenz gegen die frei praktizierenden Hausärzte und wird die Zukunft dieses für die Bevölkerung so wichtigen Berufsstandes zusätzlich gefährden. Das ist auch ein Schritt in Richtung Verstaatlichung der ambulanten Medizin, dies im Gegensatz zur stationären Medizin, wo öffentliche Einrichtungen geschlossen und Privatspitäler ausgebaut werden. Wollen wir all das wirklich? Am kommenden 11. Januar wird der Landrat über die Spitalfusion beraten und hat die Möglichkeit, weitsichtig entscheidende Weichen zu stellen.