Der Geistschreiber
Federers und Grosshanslis

Der Geistschreiber über Federer und die, die seinen Rücktritt fordern. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
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Seit zehn Jahren verweigert Federer eine Antwort, aber die Sportjournalisten und Tennis-Experten fragen kindisch weiter und halten den Atem an. (Archiv)

Seit zehn Jahren verweigert Federer eine Antwort, aber die Sportjournalisten und Tennis-Experten fragen kindisch weiter und halten den Atem an. (Archiv)

KEYSTONE/EPA AAP/DAVID CROSLING

Roger Federer, wann treten Sie zurück, Roger Federer, wann treten Sie zurück? Die intellektuelle Brillanz mancher Sportjournalisten und Tennis-Experten ist erschütternd. Seit zehn Jahren verweigert Federer eine Antwort, aber sie fragen kindisch weiter und halten den Atem an, womöglich sagt er ja ausgerechnet diesmal, «gut, dass Sie fragen, ich plane in Wimbledon 2024 einen Beinbruch mit Komplikationen und Abbruch der Karriere».

«Wir nennen die Gründe, weshalb der Maestro am 1. November 2020 vom Profisport zurücktreten wird», schrieb bluewin im Herbst, «Fans sollten sich dieses Datum in die Agenda schreiben». Das wollte ich tun und stellte fest: Das Datum stand schon drin. Just nach dem 31. Oktober. Drollig wirken auch all die Grosshanslis, die jeden Schmarren im Internet mit ihrem Senf veredeln müssen. Die fragen nicht nach dem Rücktritt, die fordern ihn. «Federer soll aufhören», monierte 2013 einer auf Facebook. Federer war halt nur noch der sechstbeste Tennisspieler der Welt und das Grosshansli hatte wohl Angst, Federer würde armengenössig und wir Steuerzahler müssten ihn durchfüttern.

«Blödsinn», antwortete ich, «Federer spielt gut und gerne und verdient Geld wie Heu, der wird noch Grand Slams gewinnen.» «Wenn er das schafft», schrieb das Grosshansli, «lade ich dich zum Znacht ein in den Wenkenhof Riehen.» Das war eine Anspielung, weil ich kurz zuvor Federers Bescheidenheit gerühmt hatte: Im Wenkenhof hatten Federers nach ihrer Hochzeit Znacht gegessen, mit 41 Gästen und mit Zürigschnätzlets mit Röschti. Zum Vergleich: Meine Frau und ich dinierten im Bad Ramsach mit 80 Gästen Filet Wellington und Pommes Duchesse und verbrachten dann die Hochzeitsnacht vollgefressen im Koma, weshalb ich die Federers bis heute sympathischer finde als uns.

«Die Wette gilt», antwortete ich dem Grosshansli auf Facebook, «und wenn Federer keinen Grand Slam mehr gewinnt, lade ich dich ein.» Fünf Jahre musste ich warten. Und trotz der ewigen Fragerei nach dem Rücktritt stopfte Federer nie einem Journalisten sein Mikrofon in den Mund. Ich wusste: Wer für das Nettbleiben so viel Disziplin aufbringt, kämpft sich auch im Sport zurück.

Meinen Wettgewinn werde ich nicht einfordern. Ich brauche kein Znacht mit einem, der so spiessig ist, von Sportlern den «Rücktritt» zu fordern. Es gibt keine Amtszeitbeschränkung, und das Aufhören auf dem Zenit ist nicht vorgeschrieben. Wenn Federer gerne spielt, dann soll er von mir aus spielen, bis seine vier Zwillinge in den Wimbledon-Finals gegeneinander antreten. Und Simon Ammann soll Ski springen, bis er es nicht mehr allein auf die Schanze hinauf schafft. Von den Grosshanslis fordert ja auch keiner den Rücktritt vom Schreibsport.

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