PHILOSOPHICUM
Fehlerduell

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Stefan Brotbeck
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Wer will, findet immer einen Weg.

Wer will, findet immer einen Weg.

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Fehler kommen selten allein. Am liebsten kommen sie zu zweit. Linksgedreht oder rechtsgedreht sozusagen. Und manchmal sogar in Personalunion. Ich möchte ein Fehlerduett erwähnen – und gleich vorausschicken: Ein Fehlerduett ist immer auch ein Fehlerduell. Fehler und Gegenfehler. Fehlerduette sind feindliche Brüder. Sie bekämpfen sich. Und werden sich dadurch immer ähnlicher.

Nehmen wir die These: Wenn du kannst, dann willst du auch. Die Gegenthese lautet: Wenn du willst, dann kannst du auch. Die erste These setzt die Chance schon mit ihrem Gebrauch gleich: Wer die Chance zur Bildung hat, macht von ihr Gebrauch. Wer einen Weg sieht, geht ihn auch. Die Gegenthese wiederum macht es andersherum: Sie setzt die Freiheit mit ihrer Chance gleich. Wer Bildung will, findet die Gelegenheit dazu. Wer will, findet immer einen Weg.

Wir können auch von einer linksgedrehten und einer rechtsgedrehten Illusion sprechen. Die linksgedrehte besteht darin, Chancen und Chancengleichheit immer feinmaschiger und kleinräumiger zu definieren und entsprechende Massnahmen einzuleiten, sodass wir am Ende von der Chance fast schon gezwungenermassen Gebrauch machen. Die rechtsgedrehte Illusion hingegen wird nicht müde, ständig an den Willen und die Fähigkeiten zu appellieren – ohne sich zu fragen, was förderliche und hinderliche Faktoren für deren Entwicklung sind.

Die linksgedrehte Illusion tut so, als könnten die besten Bedingungen den Gebrauch einer Fähigkeit «verursachen». Stimmt aber nicht. Sogar das allerbeste Spielfeld kann den Spieler nicht ersetzen, sondern ihm bestenfalls auf die Sprünge helfen. Die rechtsgedrehte Illusion wiederum tut so, als käme es allein auf den Entschluss und starken Willen an, alles andere regle sich dann von selbst. Die linksgedrehte Illusion frönt einer Nicht-selber-schuld-Mentalität – die rechtsgedrehte Illusion einer Selber-schuld-Mentalität. Kleinmut dort, Hochmut hier.

Doch die Pointe kommt erst: Auf den ersten Blick scheinen sich die beiden konträren Positionen zu widersprechen, auf den zweiten Blick erweisen sie sich als Komplizen. Sie unterscheiden sich in der Art und Weise, über etwas Dunkel zu verbreiten. Aber sie gleichen sich im Hinblick auf das, worüber sie Dunkel verbreiten. Beide lenken von der konkreten Freiheit ab. Und sie lenken von der konkreten Freiheit ab, indem sie uns eine bürokratisierte, mechanisierte, verwaltete, psychosoziotechno-politisch aufbereitete Massnahmenmaschine einerseits und in eine selbstherrliche, gleichsam nur sich selbst geniessende und über sich selbst verfügende Superman- oder Supermacht-Freiheit andererseits vorgaukeln. Während die Superman-Freiheit mit der «Es liegt nur an dir»-Rhetorik eher in «Esoterik»-Kreisen und Unternehmensseminaren verbreitet wird, nimmt auf der anderen Seite der Regulations- und Kontrollfuror immer neue Lebensfelder in Beschlag.

Während die Rechtsgedrehten sich mit dem schmücken, was sie anderen vorenthalten, beglücken uns die Linksgedrehten mit Rettungsringen, die uns am Schwimmen hindern. Das Ego bläht sich selbstherrlich auf oder es schrumpft zu einem Verwaltungs- und Anweisungsvollzugsknötchen. Mehr Ego? Nein danke. Weniger Ego? Nein danke. Mehr als Ego? Ja, bitte sehr.

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