Philosophicum
Freundschaften

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Nadine Reinert
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Seltene Freundschaft

Seltene Freundschaft

Wir können nicht immer bestimmen, mit welchen Menschen wir im Leben zu tun haben. Menschen treten in unser Leben und wir müssen uns mit ihnen auseinandersetzen, ob es uns passt oder nicht. Das ist das Quäntchen Schicksal, das in jeder Begegnung steckt. Manchmal entsteht aus einer Begegnung auch eine Freundschaft. In der Regel will es das Leben aber so, dass die Menschen, die uns im Alltag am meisten auf Trab halten, nicht zwingend auch unsere Freunde sind.

Wenn ich an das letzte Jahr zurückdenke, so habe ich meine Freunde verhältnismässig wenig gesehen. Doch es ist ja nicht die Häufigkeit des gemeinsamen Austausches, die über die Qualität einer Freundschaft entscheidet. An der gemeinsam verbrachten Zeit kann eine Freundschaft zwar wachsen, doch ist sie nicht auf diese angewiesen, um echte Freundschaft zu sein. Womöglich sind die Freundschaften, die sich ihrer inneren Verbundenheit nicht immer durch äussere Verbindungen vergewissern müssen, sogar diejenigen, die am stärksten durch alle Krisen hindurchtragen. Zumindest wünsche ich mir das manchmal.

Wir haben heute die Möglichkeit, uns von überall her und jederzeit bei unseren Freunden zu melden. Doch sind die digitalen Rauchzeichen denn wirklich immer schon Zeichen der Freundschaft? Ist eine Freundschaft nicht jene Beziehung zu einem Menschen, die dessen permanente Disponibilität gerade nicht nötig hat, weil man darauf vertrauen kann, dass er im entscheidenden Moment da sein wird?

Die Voraussetzung für eine gelingende Freundschaft liegt aus meiner Sicht in einem Gefühl der Verbundenheit und des Wohlwollens für den Anderen und natürlich auch in der Teilnahme an dessen Leben, die durch zeitliche Lücken und räumliche Distanz nicht gleich aufgehoben werden muss.

In einem Freund finde ich eine persönliche Heimat, denn wir teilen eine bestimmte Geschichte, eine Erinnerung oder einfach ein gemeinsames Interesse und gestalten diese zusammen weiter. Selbst wenn wir in vielen Dingen nicht derselben Meinung sind und nicht immer in dieselbe Richtung streben, so erleben wir Differenzen, die wir andernorts als Mangel wahrnehmen würden, hier als eine Bereicherung. Vielleicht liegt gerade darin die eigentümliche Kraft der Freundschaft, dass sie mich die Andersheit des anderen Menschen als Geschenk und nicht als Fremdheit wahrnehmen lässt.

Doch manchmal geschieht es, dass eine Freundschaft einfach einschläft und ohne ersichtlichen Grund aus unserem Bewusstsein entweicht. Man hat zwar noch hin und wieder an den Freund gedacht und sogar den Wunsch verspürt, sich wiederzusehen – doch folgenlos. Und so gehen sie ohne böse Absicht und ohne jede Verstimmung einfach zu Ende.

Aber woher weiss man, ob sie nicht einfach in einen Dornröschenschlaf gefallen sind und mit einem Mal wieder in alter Intensität aufleben werden? Und man sich dann fühlen wird, wie wenn «keine Zeit» vergangen wäre? Ein Wunder der Beständigkeit im alles mit sich reissenden Strom der Zeit ...

Jede Freundschaft hat ihr eigenes Wesen und geht ihren eigenen Weg. Denn letztlich – und das scheint mir die entscheidende Essenz zu sein – ist jede Freundschaft so individuell und unabsehbar wie der Freund oder die Freundin selbst.