PHILOSOPHICUM
Gedanken oder nur Attrappen?

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Stefan Brotbeck
Stefan Brotbeck
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Würden wir eine Banane erkennen wenn wir ihren Begriff nicht wüssten?

Würden wir eine Banane erkennen wenn wir ihren Begriff nicht wüssten?

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Ich verneige mich vor den Begriffen», so lautet der Vortrag, den Johannes Stüttgen an der Kasseler Documenta 8 gehalten hat. Stüttgen hätte auch sagen können: «Ich verneige mich vor den Bedeutungen». Es gibt fast nichts Wertvolleres als Begriffe, als Bedeutungen.

Wie bitte? Vernünftige Menschen beschäftigen sich doch mit realen Dingen, nicht mit blossen Begriffen. Von Begriffen wird keiner satt. Wir essen auch keinen Begriff, wenn wir eine Banane essen.

Richtig. Aber wir würden auch keine Banane finden, wenn wir nicht über den Begriff «Banane» verfügten. Wir würden stattdessen vielleicht gerade auf einem Gartenschlauch herumkauen.

Manchmal muss man sich förmlich einen Ruck geben, um für das Selbstverständliche aufzuwachen: Ein Physikbuch besteht nicht aus physikalischen Ereignissen (von den Eigenschaften des Papiers und der Druckerschwärze einmal abgesehen), sondern beinhaltet Begriffe wie «Masse», «Raum» und «Zeit». Der Begriff «Masse» hat kein Gewicht und die Bedeutung von «Raum» und «Zeit» nimmt keinen Raum ein und hat auch keine Dauer. Gäbe es nur raumzeitliche Veränderungen, könnten wir nicht einmal verstehen, was Raum und Zeit in Wirklichkeit sind.

Sonderbar: Wir übersehen gerade das, was uns die Welt verständlich macht. Ein Kollege von Einstein meinte: Ich glaube nur an das, was ich sehe. Albert Einstein erwiderte darauf (so erzählt die Anekdote): «Dann leg deinen Verstand auf den Tisch und ich will auch glauben, dass du einen hast.»

Begriffe sind wie Augen des Geistes, die uns einen Unterschied erschliessen und einen Zusammenhang einsichtig machen. Und manchmal ist es ganz gut, diese Augen des Geistes genauer zu betrachten. Denn manchmal sind da gar keine Augen, sondern nur Glasaugen im Spiel: Nämlich Begriffe, die so aussehen, als wären sie Begriffe. Begriffs- attrappen oder Gedankenattrappen eben. Gedankenattrappen haben die Eigenschaft, dass wir sie nicht denken können, weil wir denken können. Sie übersteigen nicht unseren Horizont, sie eröffnen gar keinen. Gedankenattrappen sind Worthülsen ohne kognitiven Nährwert. Aber schon Mephistopheles in Goethes Faust wusste: «Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei doch auch was denken lassen.»

Es wimmelt nur so von Gedankenattrappen. Ich erinnere mich noch gut an den Kollegen, der mir erklärte, dass das Selbst und überhaupt die Wirklichkeit eine blosse Repräsentation des Gehirns und letztlich ein blosses Hirngespinst sei, und dann selber plötzlich wie ein Hirngespinst aussah, als ich ihn fragte, weshalb er denn so sicher sei, dass es sich – gesetzt den Fall, es ist wahr, was er gerade behauptet – beim Gehirn nicht ebenfalls um ein blosses Hirngespinst handle.

Gedanken und Gedankenattrappen haben eine Eigenschaft gemeinsam: Wir können sie nicht auf der Strasse auf- lesen, es gibt auch keine Apparaturen, die sie uns sichtbar machen. Da hilft nur Denken. Nur dem Denken fällt die eigene Abwesenheit auf.

Ich wünschte mir, es gäbe bald einmal ein Buch mit dem Titel «Lexikon der populärsten Gedankenattrappen». Sozusagen eine Phantomgedanken-Sammlung. Denn es gibt nicht nur Fake News, sondern vor allem Fake Thoughts und Fake Ideas.