PHILOSOPHICUM
Geschenkt

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Philip Kovce
Philip Kovce
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Was auf den ersten Blick noch ganz einfach erscheint – nämlich etwas zu verschenken –, das entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine ziemlich heikle Angelegenheit. (Symbolbild)

Was auf den ersten Blick noch ganz einfach erscheint – nämlich etwas zu verschenken –, das entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine ziemlich heikle Angelegenheit. (Symbolbild)

Keystone

Ich bekomme andauernd etwas geschenkt. Kaum dass ich durch die Stadt laufe, wird mir hier ein Flyer, dort ein Bleistift und an der nächsten Ecke eine Laptoptasche angeboten. Ich greife manchmal zu, oftmals lehne ich ab. Erstens: Weil ich vieles von dem, was mir in die Hand gedrückt wird, nicht benötige. Zweitens: Weil es sich bei diesen Geschenken gar nicht um Geschenke handelt.

Was keinen Preis hat, hat auch keinen Wert! Das hätten wir uns schenken können! So denken wir heute über das Schenken. Es erscheint uns oftmals als verdeckter Preis, den wir zwar nicht zahlen müssen, dessen Zahlung von uns aber dennoch irgendwie verlangt wird. Denn was erwarten all die Firmen und Parteien, NGO's und Glaubensgemeinschaften, die mir etwas schenken? Sie erwarten, dass ihr Geschenk ihnen selbst nützt. Wenn sie mir schon etwas schenken, dann soll ich gefälligst auch etwas kaufen oder spenden.

Kaum anders verhält es sich mit Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenken. Auch hier gilt: Ich erhalte viele Geschenke, die ich nicht benötige, und viele, die eine Gegenleistung verlangen: Dankbarkeit. Wer mir etwas schenkt, was ich nicht benötige, oder wer mir etwas schenkt, damit ich ihm dafür danke, der mag dafür noch so verständliche Gründe haben – das Problem ist und bleibt, dass auch bei diesen Geschenken nicht von Geschenken gesprochen werden kann. Ich bekomme Gewohnheiten und Erwartungen geschenkt, keine Geschenke.

Was auf den ersten Blick noch ganz einfach erscheint – nämlich etwas zu verschenken –, das entpuppt sich auf den zweiten Blick als eine ziemlich heikle Angelegenheit: Wenn ich jemandem etwas schenke, weil ich meine, dass es sich so gehöre; wenn ich jemandem etwas schenke, weil ich es nicht mehr benötige oder es mir leisten kann; wenn ich jemandem etwas schenke, weil ich mich freue, dass er mir dafür danken wird – immer dann ist dieses Geschenk weder für den anderen bestimmt noch lässt es ihn frei. Es ist meiner Verlegenheit oder meinem Wunsch geschuldet, nicht dem anderen freilassend gewidmet.

Das ist der Grundsatz der hohen Kunst des Schenkens: Ich schenke anderen nur dann etwas, wenn es für sie und nur für sie bestimmt ist, und wenn damit keinerlei sonstige Bestimmung, sondern vielmehr Freiheit verbunden ist. Jedes noch so kleine Geschenk, das ich auf diese Weise überreiche, ist ein grosses Geschenk. Es ist für den anderen bestimmt und lässt ihn frei. Das heisst natürlich nicht, dass ich anderen nichts in die Hand drücken oder nichts von ihnen erwarten darf, nur sind diese Vorgänge von der hohen Kunst des Schenkens verschieden.

Es ist schliesslich nicht nur eine hohe Kunst, schenken zu können, sondern ebenfalls, beschenkt werden zu können. Dass ausgerechnet ich mit einem Geschenk gemeint bin, und dass dieses Geschenk mich wirklich freilässt, ist vor lauter Freude oftmals kaum auszuhalten.
Ich weiss gar nicht, wie ich je wiedergutmachen kann, was andere mir Gutes getan haben – und genau dabei gefährde ich das Geschenk. Das Geschenk ist keine Gabe, die der Gegengabe fähig ist. Wer ein Geschenk vergelten will, vernichtet es. Das Geschenk ist dann gut, wenn ich es gut sein lassen kann. Das allein ist der grösste Dank.