Der Geistschreiber
Gott sein ist kein Honiglecken

Der Geistschreiber über Dankbarkeit und Don Camillo. Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
Willi Näf
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«Ich kann ich weder bestätigen noch ausschliessen, dass es einen Gott gibt», so der Geistschreiber.

«Ich kann ich weder bestätigen noch ausschliessen, dass es einen Gott gibt», so der Geistschreiber.

Keystone

Wenn ich donnerstags die Tagesschau sehe, bin ich Atheist: Ich glaube nicht, dass es einen Schöpfer gibt. Wenn ich freitags auf der Terrasse freundlich unterstützt von einer Zigarre den Kondensstreifen am Himmel beim Vergehen zusehe, bin ich Agnostiker: Ich weiss, dass ich nichts weiss, also kann ich weder bestätigen noch ausschliessen, dass es einen Gott gibt.

Wenn ich samstags über den Murenberg spaziere, fängt mein Agnostizismus allerdings an zu bröckeln. Je besser das Wetter, desto stärker das Bröckeln. Denn hier oben ist es wahnsinnig schön, womöglich hat ja doch jemand mit Absicht den Urknall angeschubst, in der Ursuppe organische Moleküle angerührt und meine Liebe zur Natur entfesselt. Und wenn ich schliesslich sonntags im Appenzeller Alpstein wandere, bin ich sowas von gottvergessen Christ. Auf der Ausserrhoder Seite evangelisch-reformiert, auf der Innerrhoder Seite geschäftstüchtig-katholisch.

Natürlich weiss ich auch auf Hügeln und Bergen, dass ich nichts weiss. Aber hier fühle ich halt, dass ich etwas fühle. Dass etwas in mir steckt, was raus muss. Ein Halleluja, das man bis auf die Meglisalp hinüber hört, das in meinem Alltag wochenlang nachhallt und mir meinen Agnostizismus beschädigt. Peter Bichsel krankt im gleichen Spital wie ich, und die Crux mit dem Kreuz bichselt er trefflich auf den Punkt: «Ich glaube an Gott, auch wenn ich weiss, dass es ihn nicht gibt.»

«Gott» ist Projektionsfläche für alle möglichen Sehnsüchte, Machtfantasien, Ängste oder Träume. Aber meine Dankbarkeit braucht eine Adressatin oder einen Adressaten. Warum also nicht «Gott»? Der Begriff ist zwar nicht geschlechtslos – ein Manko meines Erachtens –, aber er ist zeitlos, er ist kurz und man kann ihn sich gut merken. Als Araber würde ich ihn wohl mit Allah ansprechen. Aber ich nun mal kein Araber, ich bin Appenzeller, und die Kühe auf der Ebenalp sind sich kein «Allahu Akbar» gewohnt, sondern den Alpsegen, «B’hüets Gott allsame, seis Fründ oder Fend.»

Allahu Akbar höre ich sowieso nur in der Tagesschau, als Schlachtruf von Kopfab-Muslimen, die offenbar zu blöd sind zu merken, dass sie damit den Atheismus fördern. Allah hat ein Kreuz mit seinen Leuten. Gott aber wohl auch. Gott sein ist kein Honiglecken angesichts dieser Menschheit.

Gottes Stimme vernehme ich übrigens regelmässig. In den Komödien von «Don Camillo», diesem liebenswürdigen Pferdegesicht von Priester, der seiner Nächstenliebe tatkräftig Nachdruck verleiht mit Herzblut und Prügeltrachten. In seiner Kirche hängt am Kreuz ein Jesus, der ihm liebenswürdig ironische Wortgefechte liefert. Ein Gott mit Humor ist grösser als alle seine Mitbewerber. Er lächelt über die Grossen, lacht mit den Kleinen und lässt die Menschen leben.

Einmal sagt dieser Jesus am Kreuz in Don Camillos Kirche zu dem etwas gottverlassen dreinblickenden Pferdegesicht mit Soutane: «Gott ist den Menschen überall gleich nah, Don Camillo. Hier scheint er dir nur näher, weil du dir selber näher bist.»

In diesem Sinne eine göttliche Adventszeit allerseits, mit viel Nähe– nicht nur im Gedränge der Weihnachtsmärkte.