Kommentar
Investieren Sie schon oder wohnen Sie noch? – Eine Analyse zum Wohnungsbau in Basel-Stadt

Andreas Schwald
Andreas Schwald
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Das neu zu bebauende Industrie-Geviert «Rosental Mitte» soll für bis zu 2200 Personen Wohnraum bieten. (Visualisierung)

Das neu zu bebauende Industrie-Geviert «Rosental Mitte» soll für bis zu 2200 Personen Wohnraum bieten. (Visualisierung)

Herzog & de Meuron

Bauen in Basel lohnt sich. So zumindest sieht es aus, wenn man sich allein die Zahlen der vergangenen Woche anschaut: Die Stadt kauft der Messe die Halle 3 ab, um ab 2026 bis zu 200 Wohnungen darauf zu erstellen. Auf dem ehemaligen Felix-Platter-Areal war Baueingabe für den ersten Teil der insgesamt rund 530 Wohnungen. Wohnraum für weitere 600 Personen soll in den kommenden zehn Jahren bei der liebevoll «Rostbalken» genannten Postpasserelle östlich des Bahnhofs SBB entstehen. Und am Freitag erreichte uns die Nachricht, dass das neu zu bebauende Industrie-Geviert «Rosental Mitte» für bis zu 2200 Personen Wohnraum bieten soll.

Keine Frage: Die 2020er-Jahre werden die grossen Jahre des Wohnungsbaus in Basel, Mieterschutz und Investorenkritik hin oder her. Bislang geht alles im Sinne der Regierung und damit auch im Sinne von Kantons- und Stadtentwickler Lukas Ott (Grüne). Er, der sein Wohnbau-Talent bereits als Stadtpräsident von Liestal unter Beweis gestellt hat, darf nun Wohnbauerfolge in Basel verbuchen.

Ran darf jeder. Zurzeit haben Privatinvestoren noch die Nase vorn. 2019 wurden laut Mitteilung des Statistischen Amts Basel-Stadt vom Freitag 44 Prozent der 865 Neubauwohnungen von Kapitalgesellschaften gebaut, 26 Prozent von Firmen in der Immobilienbranche. Genossenschaften waren für gerade mal 6 Prozent zuständig. Das kann sich in den kommenden Jahren ändern, wenn die regierungsrätliche Genossenschaftsförderung zu greifen beginnt. Künftig soll deren Anteil am Gesamtwohnungsmix 25 Prozent betragen; heute sind es gut die Hälfte.

Der «Sales Pitch» lautet also ziemlich einfach: Basel boomt, es gibt eine enorme Nachfrage nach Wohnraum, besonders nach günstigem. Die kann in der flächenmässig kleinen Stadt Basel nicht annähernd gedeckt werden. Das freut Investoren und Anleger aller Art, vom Genossenschafter über den Pensionskassenverwalter bis zu dem für böse erklärten Immobilien-Spekulanten. Mieter dürfen sich freuen, ebenso der Kanton, der jeden Steuerzahler dankbar begrüsst, auch wenn er nicht so viel verdient. Kurz und gut: Wer es sich leisten kann, in Basel zu bauen, der sollte das jetzt tun. Irgendein korrektes Modell findet sich für jedes politische Gewissen. Basel muss wachsen.

Doch warum? Treibender Faktor ist und bleibt zurzeit die pharmazeutische und die chemische Industrie. Sie macht mit rund 40 Prozent nach wie vor den grössten Teil der baselstädtischen Wertschöpfung aus. Danach kommen die Forscher und die Beraterinnen und an dritter Stelle erst Versicherer und andere Finanzdienstleister. Angesichts dieses Übergewichts eines Wirtschaftszweigs ist es nur logisch, dass der Kanton längst nicht nur für eine Mieterschaft mit schwächerem Budget plant – also für jene kleinfamiliäre Mittelschicht, welche die SP gerne mal im Umfeld von 60'000 bis 80'000 Franken steuerbarem Einkommen pro Haushalt ansiedelt. Einträglich ist vor allem gut ausgebildetes bis hoch qualifiziertes Personal, das trotz ausgesprochener Internationalität die unmittelbare Nähe von Wohnort zum Arbeitsort zu schätzen weiss. Und, nun ja, eben ein bisschen besser verdient, weil es in einer überdurchschnittlichen Wachstumsbranche arbeitet. Geht es der Pharma gut, geht es Basel gut.

Das möge sich die linksgrüne Regierung auch nach den Wahlen im Oktober vor Augen halten. Denn eines muss man ihrem baufreudigen grünen Kantonsentwickler Ott lassen: Von gutbaslerischer Sozialromantik hält sich der Baselbieter bislang elegant fern.

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