PHILOSOPHICUM
Jetzt ist Schluss – oder?

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Nadine Reinert
Nadine Reinert
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Keystone

Wie wir das Ende einer Sache wahrnehmen, sagt uns oft mehr als die Sache selbst. Ein Beispiel: Wir kündigen einen Job, von dem wir glaubten, er hätte uns keinen Entfaltungsraum ermöglicht, und auf einmal merken wir, dass wir selber einfach stehen geblieben sind. Oder wir beenden eine Beziehung, von der wir glaubten, durch sie wäre unser Leben monoton geworden, und auf einmal merken wir, was wir Dank ihr alles erfahren durften.

Womöglich können wir eine Sache erst dann wirklich beurteilen, wenn wir sie zu einem Abschluss gebracht haben. «Mach das mal fertig, dann schauen wir weiter» – sagen wir uns, wenn wir nicht wissen, was wir von etwas halten sollen. Etwas abschliessen können, heisst,
etwas loslassen können. Deshalb empfinden wir es auch so unangenehm, wenn wir manchmal einfach keinen Schlusspunkt finden können. Wir kommen weder vor- noch rückwärts und verwickeln uns immer mehr, bis wir schliesslich nicht mehr klar sehen. Dann hilft nur noch der radikale Schnitt wie beim Gordischen Knoten.

Etwas beenden gleicht einem Geburtsprozess – denn mit dem Beenden geben wir eine Sache nicht nur ab, sondern auch frei und erst so können wir erkennen, was wir eigentlich geschaffen haben. Wenn Sie den Pinsel nie aus der Hand geben, werden Sie kaum erkennen können, was Sie eigentlich gemalt haben. Und erst nachdem wir einen Prozess beendet haben, können wir die Erfahrung machen, dass das vermeintlich Abgeschlossene nun erst richtig beginnt. Wenn wir das Malen beendet haben, so ist damit nicht auch das Bild an sein Ende gekommen – im Gegenteil!

Insofern – und vermutlich haben Sie das nun auch selber gedacht – ist in jedem Ende tatsächlich auch ein Anfang. Heute leben wir allerdings in einer Gesellschaft, in der wir immer möglichst verschiedene Optionen offen halten möchten – wir halten uns quasi permanent auf verschiedensten Ebenen in einem «Stand-by-Modus». Das betrachten wir als eine Bereicherung. Doch was ständig in der Schwebe ist, wird deswegen trotzdem noch nicht fliegen lernen. Im Gegenteil: Was ständig in Bereitschaft ist, nutzt sich ab, bevor es überhaupt jemals zum Einsatz kommen konnte.
Insofern tun wir gut daran, die Sache, und das gerade aus Liebe zu ihr, hin und wieder zu vergessen, um sie bei neuer Gelegenheit wieder zum Leben zu erwecken.

In diesem Sinne wünsche ich ein herzliches Auf-Wiederlesen und bin gespannt, welchen Anfang uns und Ihnen das Ende dieser Kolumnenreihe bescheren mag.

www.philosophicum.ch