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Lackmustest für den Tages-Anzeiger

Christian Mensch
Christian Mensch
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Im «Tages-Anzeiger» vom Dienstag sorgte sich der Autor Maurus Federspiel in einem offenen Brief an Bundesrätin Sommaruga um die "rasante Zunahme von Muslimen". (Archivbild)

Im «Tages-Anzeiger» vom Dienstag sorgte sich der Autor Maurus Federspiel in einem offenen Brief an Bundesrätin Sommaruga um die "rasante Zunahme von Muslimen". (Archivbild)

KEYSTONE

In der «NZZ» vom Freitag lobte der Feuilletonjournalist Roman Bucheli die Surrealisierung der Politik durch Donald Trump. Sie sei eine Chance: «Das Denken wird schärfer, die Vernunft wacher und die Selbstwidersprüche, in denen wir uns eingerichtet haben, treten deutlicher hervor.»

Im «Tages-Anzeiger» vom Dienstag sorgte sich der Autor Maurus Federspiel in einem offenen Brief an Bundesrätin Sommaruga um die Schweiz und lieferte damit einen Beitrag zur Surrealisierung des Journalismus. Sein formuliertes Unbehagen über die «rasante Zunahme von Muslimen durch Migration und Geburt» war in ähnlicher Diktion bisher in der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» zu lesen – und nun auch im «Tages-Anzeiger»?

Die Erschütterung bei jenem Teil der Leser, die von ihrer Zeitung orientiert und nicht verwirrt werden wollen, und jenem Teil der Redaktion, der beim «Tages-Anzeiger» bisher für Ersteres stand, ist gross. Ist Federspiel blosses Missgeschick einer (intellektuell) ausgedünnten Redaktion, die nicht mehr weiss, was sie druckt? Oder provokatives Kalkül im Hinblick auf die Integration der «Basler Zeitung» in den grossen Tamedia-Kreis? Steht der Abdruck für eine politische Kehrtwende einer Zeitung, deren Chefetage diese schon längst vollzogen hat? Oder für ein «anything goes», das gar nicht mehr in solchen Kategorien denkt?

Um mit Bucheli zu reden, ist Federspiels Beitrag eine «Chance» – nicht nur für den «Tages-Anzeiger». Er zwingt zum Nachdenken, welchen Journalismus wir eigentlich wollen. Er schärft den Verstand, welcher Journalismus uns zuweilen vorgesetzt wird. Er verweist auf die Widersprüchlichkeiten eines verunsicherten Berufsstandes. Was er bei alldem aber bleibt: ein Beitrag der Surrealisierung unserer Welt.