PHILOSOPHICUM
Leben in der Virtualität

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Christian Graf
Christian Graf
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Was ist Virtualität?

Was ist Virtualität?

Getty Images/iStockphoto

Was ist Virtualität? Es ist der Spielraum meiner Möglichkeiten, die Reichweite meines Könnens, der Bereich, über den ich verfüge. Virtuell ist, was als realisierbare Möglichkeit vorhanden ist. Keineswegs etwas Unwirkliches also. Ich kann Klavier spielen, auch wenn ich es gerade nicht tue. Vielleicht könnte ich gar Konzertpianist werden.

Ich habe einen Freund, der mir beisteht, wenn ich in Nöten bin. Gut, ich müsste erst den Test machen, was passiert, wenn ich mit dem Klavier Ernst mache und ob der Freund dann wirklich auch da ist, wenn ich ihn brauche. Einstweilen erfreue ich mich an dem schönen Gefühl meiner Virtualität. Es gibt da so manche Ressource, auf die ich gegebenenfalls zurückgreifen kann.

Sicher kann es auch nicht schaden, wenn ich meine Ressourcenlage verbessere. Ich schaffe mir ein gutes Instrument an und engagiere einen erfahrenen Klavierlehrer. Das vergrössert meine Chancen, es auf dem Klavier zu etwas zu bringen. Und da der Freund oft anderweitig eingespannt ist, tue ich gut daran, ein soziales Netz aufzubauen – damit im Fall der Fälle sicher jemand da ist.

Was aber, wenn ich mit dem Klavier aufs falsche Pferd gesetzt habe? Gibt es denn nicht eine neutrale Ressource, die mir nicht einen Entscheid für diese oder jene Lebensmöglichkeit abverlangt? Doch, selbstverständlich, sie hört auf den Namen Geld. Das ist ja das Schöne an finanziellen Ressourcen, dass sie für alles Mögliche einsetzbar sind – potenzierte Virtualität.

So verbessere ich permanent meine Ressourcenlage und damit meine
Lebensbedingungen. Und mein Leben selbst? Verbessere ich das auch? Oder verpasse ich es gerade, indem ich vergesse, dass leben immer auch heisst, mich für etwas (und damit gegen so und so viel anderes) zu entscheiden?

Der Soziologe Hartmut Rosa diagnostiziert unserer Zeit eine stets wachsende Fixierung auf die Verbesserung der Ressourcenlage und die Steigerung der Möglichkeitshorizonte. Da die Sinnausrichtung des Lebens zugleich immer stärker zur Privatsache werde (von einer «Zeit vollkommener Mittel und verworrener Ziele» sprach schon Albert Einstein), sei das Ergebnis die «strukturelle Untergrabung» der Bedingung für die Verwirklichung eines guten Lebens. Es stellt sich die Frage: Verwirke ich unter der Hand, was ich zu verwirklichen hätte?

Virtuell kann ja auch heissen: nicht echt, scheinbar. Virtuelle Realität meint Simulation und Ersatz von Wirklichkeit. Im Flugsimulator wird mein Flug simuliert, ohne dass ich wirklich fliege. Kaum jemand zweifelt daran, dass ich mich hier optimal auf einen wirklichen Flug vorbereiten kann. Aber will ich überhaupt noch wirklich fliegen?

Die virtuelle Welt des Internets übernimmt die Funktion der wirklichen Welt, was sie deshalb kann, weil sie entscheidende Eigenschaften von dem besitzt, was uns «Welt» bedeutet. In gewisser Weise ist die Welt des Internets sogar in einem gesteigerten Sinne «Welt», weil in ihr das «Globale» viel gegenwärtiger wird als in unserer Alltagswelt, die ja immer nur einen Winkel «der Welt» ausmacht. Was aber, wenn ich mich mit der Simulation zufriedengebe, indem mich nichts mehr zu dem entscheidenden Schritt hinein in die Wirklichkeit motiviert?

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