Kommentar
«Les absents ont toujours tort»

Nicolas Drechsler
Nicolas Drechsler
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Die Abwesenden haben immer Unrecht. Diese Regel gilt auch für Parlamentarier.

Die Abwesenden haben immer Unrecht. Diese Regel gilt auch für Parlamentarier.

Kenneth Nars

Ich muss jeden Morgen ins Büro. Das entspricht manchmal nicht meinem Befinden. Vielleicht hätte ich Besseres zu tun. Aber ich werde dafür bezahlt, ins Büro zu gehen. Man hat mich ausgewählt, eine Arbeit zu erledigen und entlöhnt mich dafür. Fehle ich an einem Viertel der Arbeitstage, dann schmeisst mich mein Chef raus. Ausser ich bin Grossrat. Dann habe ich zwar eine der wichtigsten Aufgaben in einer Demokratie, werde dafür auch bezahlt, aber man kann mich nicht entlassen. Der Chef, das Volk, kann nur alle vier Jahre entscheiden, ob es mir diese Disziplinlosigkeit durchgehen lässt.

Denn das ist es, was sich die Bürgerlichen im Grossen Rat leisten. Bei einem Viertel der Abstimmungen überlassen sie dem Gegner das Mehr. Um dann rumzujammern, in dieser links-grünen Stadt werde Geld zum Fenster hinausgeworfen, es würden Parkplätze am Laufmeter weggespart und man leiste sich staatlich besoldete Gemüseberater. An einer einzigen Sitzung waren alle bürgerlichen Grossräte anwesend. Das grenzt an Arbeitsverweigerung und ist eine Missachtung der Kernaufgabe des Parlaments, nämlich: die Wähler zu vertreten. Dazu gehört eben auch die physische Anwesenheit im Parlament.

«Les absents ont toujours tort», die Abwesenden haben immer Unrecht. Diese Regel gilt auch für Parlamentarier. Um Ausreden ist man naturgemäss nicht verlegen und verweist auf die wichtigen Aufgaben, die man im Beruf habe. Und darauf, dass Abwesenheiten bei einem Milizparlament nun mal dazugehörten. Nun, niemand wird gezwungen, sich ins Parlament wählen zu lassen. Oder das Amt anzutreten. Die faulen Ausreden würden auch für die Linken gelten, die sind aber deutlich disziplinierter. Wenigstens könnte man sich im bürgerlichen Lager intern so absprechen, dass nie mehr als drei aufs Mal fehlen – das würde schon reichen, um die Abstimmungen zu gewinnen.