Persönlich
Magna cum Culpa

Die Uni ist ein Ort der Bildung – doch bilden sich dort hauptsächlich Strategien fürs Leben.

Benjamin Rosch
Benjamin Rosch
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Universität Basel (Symbolbild) (Archiv)

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Keystone

Ich habe einen Uni-Abschluss in Germanistik und Anglistik. Meine Noten sagen, ich sei gut in diesen Fächern, dabei bin ich wohl eher ein gutes Beispiel dafür, warum Bologna eben nicht gut ist. Ich habe nie ein Werk von Goethe fertig gelesen. Ich habe nie «Moby Dick» zu Ende geschafft, jedoch meine Bachelor-Arbeit darüber geschrieben (Note: 5, Abzug gabs für meine Sprache). Ich weiss nicht, ob Chaucer eine Frau oder ein Mann ist. Ich habe nie Oscar Wilde gelesen, auch wenn ichs einmal versucht habe. Auf Deutsch.

Ich habe keine einzige Seite Heine, Austen, Brontë, Proust, Grass, Wolfe, Zweig, Huxley oder Beckett je in den Händen gehabt. Von Thomas Manns «Zauberberg» schaffte ich gerade mal 50 Seiten. In beiden Fächern lag zumindest im Bachelor-Studium mein Fokus auf Literatur.

Ich habe grosse Bildungslücken, dafür habe ich gelernt, mich anzupassen. Ich habe mal Punkte für eine Vorlesung gekriegt, an der ich nicht einmal anwesend war. Ich habe ein paar Monate im Ausland studiert und 42 Kreditpunkte für einen Aufwand von acht Stunden pro Woche erhalten. Meine beste Arbeit war eine, in der ich mich im Verlaufe des Schreibens für ein komplett fremdes Thema entschied und der Professor cool genug war, dies zu akzeptieren. Statt über Walser schrieb ich über die Masseneinwanderungs-Initiative.

Und dann, vergangenen Sommer, überreichte man mir ein Diplom, das mir ein breites Wissen attestiert und mich befähigt zu – ja zu was eigentlich? Zum Glück ist der Titel so lächerlich, sonst würde ich mich irgendwie als Betrüger fühlen.

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