Unsere kleine Stadt
Mal Provinz, mal Metropole

Unsere kleine Stadt steckt im Art-Basel-Fieber. Zum Autor: Daniel Wiener liess sich bei der früheren «National-Zeitung» zum Journalisten ausbilden. Er ist Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

Daniel Wiener
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Schräge Sammler, chic gekleidete Galeristinnen, übernächtigte Kuratoren: An der Art Basel prallen unbekannte Welten auf die Stadt. Im Bild: "Pandemonia" – die Kreation eines anonymen Londoner Künstlers – posiert an der Art Basel 2016 vor dem Kunstwerk "Four New Clear Women" (1982) des Amerikaners James Rosenquist.

Schräge Sammler, chic gekleidete Galeristinnen, übernächtigte Kuratoren: An der Art Basel prallen unbekannte Welten auf die Stadt. Im Bild: "Pandemonia" – die Kreation eines anonymen Londoner Künstlers – posiert an der Art Basel 2016 vor dem Kunstwerk "Four New Clear Women" (1982) des Amerikaners James Rosenquist.

Keystone

Peter Bichsel würde den Begriff «die Velofahrer» als rassistisch bezeichnen. In einem Interview sagte er kürzlich: «Die Jugend, die Kinder – das sind eigentlich rassistische Begriffe. Und die Alten: Auch das ist ein rassistischer Begriff.» Denn der Rassismus beginne da, «wo man einer Gruppe von Menschen nur noch gemeinsame Eigenschaften zuschreibt». Rassismus im Alltag ist ein untrügliches Kennzeichen von Provinz. In der Provinz sind pauschale Zuschreibungen rasch zur Hand. Denn je kleiner die Zahl der Begegnungen mit einer bestimmten Gruppe, umso einfacher fallen Verallgemeinerungen. So ist der Wähleranteil fremdenfeindlicher Parteien dort am höchsten, wo am wenigsten Ausländer leben. Dies gilt für die Schweiz ebenso wie für Deutschland, Frankreich und die USA. Wer viele verschiedene Ausländer kennt, hat mehr Schwierigkeiten, sie alle in einen Topf zu werfen.

In der bevorstehenden Woche der Art Basel wird unser Unterscheidungsvermögen herausgefordert wie sonst nie. Die globale Kunstwelt konfrontiert uns mit unbekannten Welten. Nicht nur, wenn wir Bilder und Skulpturen betrachten. Es geschieht auch im Alltag: Schräge Sammler und chic gekleidete Galeristinnen bevölkern unsere Bars und ausgefallene Partys. Auf dem Weg zur Arbeit begegnen uns übernächtigte Künstlerinnen und Kuratoren. Die Vielfalt ihrer Exotik, aber auch ihr manchmal erstaunlicher Konformismus unterbricht für einen Augenblick unseren gewohnten Trott. Ein Hauch Metropole weht über dem Rhein.

Nicht dass wir Basler sonst nicht feiern könnten. Unsere kleine Stadt ist, nach den Worten des angesagten mexikanisch-kanadischen Elektronik-Künstlers Rafael Lozano-Hemmer, «auch unter dem Jahr eine funky city». Wir sind zu recht stolz auf unsere Museen, auf tolle Restaurants und Clubs und den dichten Kulturkalender. Ich wünschte mir aber, dass wir mehr vom weltstädtischen Geist, den die Art Basel Woche verströmt, in unseren Alltag hinüber retten könnten: Fehlen uns nicht manchmal Leidenschaft und Professionalität, Gelassenheit und Grosszügigkeit oder eine Prise des frischen Humors mancher Kunstwerke? Wann entwickelt unsere gute Pharmaindustrie aus diesen Ingredienzen eine Impfung gegen Gehässigkeit, Rasenmäher-Mentalität und Kleinkariertheit?

Das aktuelle Thema Velofahrer ist ein gutes Beispiel des geistlosen, bebbispezifischen Bünzlitums. Kaum versenkt das Volk den Veloring, müssen sich «die Velofahrer» für ein paar Rowdies entschuldigen, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten. Wo, bitte, ist da der Zusammenhang? Strassenkampf kann nicht die Antwort sein auf eine demokratische Entscheidung bei der es bloss um die Finanzierung eines konkreten, etwas unausgereiften Projekts ging. Anstatt über den anschliessend vom Regierungsrat vorgelegten Fahrrad-Gesamtplan inhaltlich zu diskutieren, muss Baudirektor Hans-Peter Wessels aus dem Mund mancher politischer Gegner die wüstesten, pauschalen Beschimpfungen über sich ergehen lassen. Das ist spiessige Provinz wie sie leibt und lebt. Redet doch über Ideen, streitet über die Sache, mit Argumenten und Witz!

Bis es die Impfung mit dem Art Basel Virus gibt, ist es unsere tägliche Aufgabe, dem provinziellen Rassismus, wo er auftaucht, laut und deutlich entgegen zu treten. Oder wie es Peter Bichsel sagt: «Im Kopf jedes Menschen sitzt ein kleiner Faschist. Und wenn man mit dem Kopf etwas Gescheites tun will, dann muss man diesen kleinen Faschisten im eigenen Kopf bekämpfen.» Gehen sie nächste Woche Kunst gucken, es hilft!