Persönlich
Mein Leben mit Nomatophobie

Das ist mein trauriges Geheimnis: Ich kann mir Namen nicht merken und habe auch noch Angst davor.

Susanna Petrin
Susanna Petrin
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Das offene Foyer des Schauspielhauses Basel. (Archiv)

Das offene Foyer des Schauspielhauses Basel. (Archiv)

Etwas vom Schlimmsten sind Foyers vor Theaterpremieren. Die Panikattacke, die mich beim Betreten des menschengefüllten Raums befällt, wird verstärkt, wenn mehr als eine Person aufs Mal auf mich zukommt. So viele bekannte Gesichter – und kein einziger Name ist mir präsent, wie ausgelöscht, just in dem Augenblick. Und nicht genug Zeit, um im Kopf das Abc durchzugehen – um so vielleicht doch noch fündig zu werden.

Das ist mein trauriges Geheimnis: Wenn ich jemanden länger als drei Wochen nicht mehr gesehen habe, weiss ich den Namen kaum mehr. Mit Ausnahme meiner Eltern vielleicht. Auch an meinen eigenen vermag ich mich regelmässig zu erinnern – ich klopfe auf Holz. Ist es mir doch auch schon passiert, dass mir an einer Party, als ich ihn hätte vorstellen sollen, der Name meines damals aktuellen Freundes nicht in den Sinn kommen wollte. Denn es ist nicht nur das Namensgedächtnis, das mir zu schaffen macht: Hinzu kommt die Panik vor dem Nichtwissen in sozialen Situationen. Das hat einen Namen: Nomatophobie.

Der Weltrekordhalter im Namenmerken rät, Bilder und Emotionen mit dem Namen zu verknüpfen. Seit ich das versuche, fällt mir öfter mal ein Name ein – nur leider ein falscher. Ich würde gerne ein paar lustige Verwechslungen aufzählen – aber ich habe sie leider alle wieder vergessen. Ein Artikel von «Neuronation» tröstet damit, dass Namen Teil der kristallinen Intelligenz seien; diese könne ein Leben lang zunehmen. Letzthin ist mir im Theaterfoyer rechtzeitig der richtige Name eines Menschen eingefallen. Doch plötzlich wusste ich nicht mehr: Sind wir per Sie oder per Du?

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