Mein Leben im Dreiland
Mit Fessenheim ist der Oberrhein mit einem blauen Auge davon gekommen

Wenn es um die Atomkraftwerke im Dreiland geht, werden Kooperationen plötzlich schwierig.

Peter Schenk
Peter Schenk
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Mein Leben im Dreiland: Archivfotos zu Kundgebungen gegen Atomkraftwerke Kaiseraugst und Wyhl am Kaiserstuhl
7 Bilder
Bau des Freundschaftshauses auf dem besetzten Baugelände in Kaiseraugst, April 1975
Eine Karte der ehemals geplanten AKWs am Oberrhein.
Besetzung Kaiseraugst
Eine Kundgebung gegen das AKW in Wyhl am Kaiserstuhl
Eine Kundgebung gegen das AKW in Wyhl am Kaiserstuhl
Eine Kundgebung gegen das AKW in Wyhl am Kaiserstuhl zu sehen: Axel Meyer, Meinrad Schwörer und Peter Book, heutiger Geschäftsführer des Bund südlicher Oberrhein.

Mein Leben im Dreiland: Archivfotos zu Kundgebungen gegen Atomkraftwerke Kaiseraugst und Wyhl am Kaiserstuhl

Foto Dokumentationsstelle Atomfreie Schweiz/Fotolib

Die im Dreiland hoch gehaltene Kooperation über die Grenzen wird dann schwierig, wenn es um die Atomkraft geht. So hat die Gemeinde Fessenheim kürzlich beschlossen, gegen den Erlass in Berufung zu gehen, durch den das gleichnamige elsässischen Atomkraftwerk abgestellt werden soll.

Unterstützt wird sie nicht nur vom Zweckverband der umliegenden Gemeinden, sondern auch vom Departement Haut-Rhin und der Region Grand Est, in die die Region Elsass im Rahmen der französischen Gebietsreform aufgegangen ist.

Ich schreibe nun schon seit bald dreissig Jahren über Fessenheim. Von Anfang an habe ich Mühe gehabt, den Gesprächspartnern des Betreibers Electricité de France (EDF) zu verdeutlichen, dass der Widerstand gegen Fessenheim in Deutschland und der Schweiz nicht nur von irgendwelchen abgedrehten Umweltschützern kommt, wie es die EDF glauben mag, sondern breit in der Gesellschaft verankert ist.

Während es im Elsass eine Einheitsfront für den Erhalt des AKW gibt, engagieren sich im Raum Basel und in Südbaden, unabhängig von der politischen Haltung, so gut wie alle dafür, das ungeliebte Atomkraftwerk sei endlich abzustellen. So fordert das Stadtparlament von Freiburg im Breisgau einstimmig das Aus für Fessenheim, und in Basel ist der Widerstand gegen Atomkraftwerke in der Verfassung verankert.

Öfter habe ich mich mit einem elsässischen Journalistenkollegen gestritten, der sich darüber aufregte, dass die Basler sich zwar gegen Fessenheim aussprechen, aber gegen Beznau, Leibstadt, Gösgen und Mühleberg nichts unternehmen würden. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt, habe ich ihm gegenüber immer argumentiert, dass man im Dreiland Kaiseraugst und Wyhl verhindern konnte, nur Fessenheim nicht.

Das bedeutet, dass die heutige massive Kritik am «Schrottrektor Fessenheim», wie er gerne genannt wird, also historisch gewachsen ist. Warum scheiterte im Elsass, was in Südbaden und der Nordwestschweiz gelang?

Axel Mayer, Geschäftsführers der Umweltorganisation «Bund Südlicher Oberrhein» und seit 1974 in der Umweltbewegung aktiv, ruft mich, den langjährigen Dreiland-Redaktor, zur Ordnung. Er verweist auf die vielen gewonnenen Kämpfe der Umweltschützer am Oberrhein: «Es wundert mich, dass selbst Sie den erfolgreichen Widerstand gegen das 1977 in Gerstheim bei Strassburg geplante AKW vergessen.»

Die Geburtsstunde für die Bewegungen um Wyhl und Kaiseraugt sei 1974/75 die Platzbesetzung im elsässischen Marckolsheim gewesen, wo der Bau eines Bleichemiewerks verhindert wurde. In Fessenheim aber hat man mit dem Bau schon 1970 begonnen, tatsächlich wurde das AKW 1977 bereits in Betrieb genommen.

Erstaunlich bleibt, dass der Widerstand gegen Fessenheim in Südbaden auch in tief bürgerlichen Gemeinden verankert ist. Die regelmässigen Demonstrationen gegen das AKW werden vor allem von der deutschen Seite getragen. Schweizer Teilnehmer sind nur selten zu sehen. Vielleicht, weil das Engagement gegen Fessenheim in Basel im Pflichtenheft der Regierung steht? Ausserdem geht der zuerst in Basel initiierte Trinationale Atomschutzverband Tras rechtlich gegen das AKW vor. So mancher wird denken, dass das reicht.

Von den 105 Mitgliedergemeinden von Tras kommt nur eine einzige aus dem Elsass. Kein Wunder, wenn man weiss, dass dort so gut wie jede Kommune bürgerlich regiert wird. Der systematische Ausbau der Atomkraft wurde 1967 von de Gaulle beschlossen – erwünschter Nebeneffekt war der Anfall von Plutonium für die französischen Atombomben.

Zudem gibt es im zutiefst zentralistischen Frankreich eine mächtige Nuklear-Lobby. Für Atomkraft ist die gesamte Rechte von der Mitte bis zum Front National, die Sozialisten sind gespalten. Kein Wunder, dass Hollandes Wahlversprechen, Fessenheim abzustellen, trotz Dekret immer noch nicht umgesetzt ist.

Wenn man weiss, dass am Oberrhein ursprünglich sage und schreibe 14 Reaktoren und in Fessenheim vier statt zwei Blöcke geplant waren, hat sich die Umweltbewegung gut geschlagen.

peter.schenk@bzbasel.ch