Der Geistschreiber
Mit «Geheimnis» verkauft man jeden Käse

Der Geistschreiber über das «6. und 7. Buch Mosis». Willi Näf ist Autor, Ghostwriter und Satiriker. Der Heimwehappenzeller und Wahlbaselbieter leibt, lebt und schreibt in Bubendorf.

Willi Näf
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(Symbolbild)

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Chris Iseli

Da ist diese Magd. Auf Seite 180. Diese Magd mit Zahnweh. Bartholinus legte ihr einen Hund auf die Backe, wodurch alsbald alle Schmerzen von ihr gewichen, während der Hund unter schmerzhaftem Gewinsel sie verlassen. Armer Hund. Man wüsst’ ja gern, ob es ein Pinscher gegen leichte Zahnschmerzen war oder ob Weisheitszähne das Mägdlein plagten und ihm ein Bernhardiner von der Backe stieg. Doch Details gibt «Das 6. und 7. Buch Mosis» nicht preis. Mose hat das Werk geschrieben. Auf dem Berge Sinai. Intervalle lucis daselbst offenbaret vom Allmächtigen, so stehts im Vorwort, also stimmts. Aufgetaucht sind die göttlichen Tricks aber erst 1779. Komisch. Da gibt der Herr nützliche Lifehacks preis und dann lässt er zu, dass sie 5000 Jahre lang unterdrückt werden? Mysteriös.

Warzen kriegt man weg, wenn man sie mit gestohlenem Speck einreibt, oder «mit dem Menstruationsblut eines Frauenzimmers». Und die Syphillis, indem man Direktbetroffene bis zum Halse in Pferdemist eingräbt. Wahrscheinlich wurde es dem Mose beim Diktat öfter etwas blümerant. Er erfuhr sogar, wie man mit dem Stein der Weisen Gold und Silber herstellt. Ein hilfreicher Tipp für einen Alltag mit überschaubarem Haushaltbudget. Dass die Inflation trotzdem so tief ist, muss ein weiteres Wunder sein.

Meine Mutter hat uns Kinder eindringlich vor dem «6. und 7. Buch Mosis» gewarnt. Und vor der «Abtei Thelema», einer schmucken kleinen Sekte in einem Appenzeller Nachbardorf. Ein abverheiter Grafologe, ein Zürcher erst noch, gab 40 Jahre lang den Satanspriester und schwurbelte gutgläubige Seelen und willige Gespielinnen zu Auserwählten hoch, bevor er sich in die Hölle soff. 2009 segnete die letzte alte Jüngerin das Zeitliche und vererbte dem Kanton ein Haus voller Sakralplunder, Rezepturen und tausende Bücher mit sinistren Geheimnissen. Die Kräutersulz fehlte, aber die Mosis-Bücher waren da, und ich blätterte darin, der Mutter Warnung zum Trotz, und lernte gar Eigenthümliches von Thierkreisen und Wünschelruthen, Sigillen und Amuletten, Beschwörungsformeln und dienstbaren Erzengeln.

Meine Mutter hat das Buch nie gelesen. Sie kennt auch den Begriff «Bullshit» nicht. Ich werde ihr nicht verraten, dass dieser Schmarren bei Amazon 19.95 Euro kostet und dort tragikomische Buchrezensionen provoziert: «In meinem Dorf war das 6. und 7. Buch Mosis in den 50er Jahren verbreitet. Bis heute sind jene Familien wie ein Fluch belastet durch Suizidfälle, eigenartigste Unfälle und Süchten. Finger weg von diesem Buch! Und Vorsicht beim Verbrennen – kenne Fälle, wo dies fast zur Explosion des Ofens geführt hat!!!»

Meine Mutter geht auch nie an den Kiosk. Sie liest in keinen Frauenmagazinen über Antifaltenesoterik, Health-Benefits von Chia, die sieben Geheimnisse der Verführung, Mondkalender für One Night Smoothies, Charlize Jolies magisch-mystischen Mental-Mascara und über multipelste Orgasmen dank Achtsamkeit im Darm. Sie geht auch nie ins Internet und liest keine Blogs für allwissende Männer über Weltverschwörungen, klandestine Geheimbünde, Survival Kits bei Weltuntergängen und sekundenschnelle Reichwerdungen.

Ich hab auch was gelernt bei der Lektüre: Volksdümmliche Plagiatsklitteratur, Quatschsalberei und «Alternative Fakten» sind nichts Neues unter der Sonne. Mit «Geheimnis!!!» verkauft man jeden Käse. Mit und ohne Kräutersulz.