Mein Leben im Dreiland
Neujahr immer ohne Schärpe - strenge Regeln für elsässische Maires

Der Bürgermeister von Saint Louis erschien am Neujahrsempfang ohne Schärpe. Denn französische Maires haben strenge Vorschriften, wann und wie sie die «Echarpe tricolore» tragen müssen.

Peter Schenk
Peter Schenk
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In manchen Fällen tragen auch Polizisten eine Schärpe um die Hüfte – wie diejenigen der Beigeordneten Maires, der Adjoints, ist ihre Quaste silbern. Die Quaste der Maires ist golden.

In manchen Fällen tragen auch Polizisten eine Schärpe um die Hüfte – wie diejenigen der Beigeordneten Maires, der Adjoints, ist ihre Quaste silbern. Die Quaste der Maires ist golden.

zvg/Jebulon

Elisabeth Ackermann, bis vor kurzem Basler Grossratspräsidentin, war ein wenig enttäuscht. «Ich hätte erwartet, dass der Maire eine Schärpe trägt», vertraute sie mir am Ende des Neujahrsempfangs von Saint-Louis an. Ich habe mich bei den elsässischen Maires umgehört und hätte nie gedacht, dass es über die «Echarpe tricolore», die blau-weiss-rote Schärpe in den Nationalfarben Frankreichs, so viel zu erzählen gibt.

Das Wichtigste vorweg: Das Tragen der Schärpe ist offiziellen Anlässen vorbehalten. Dazu gibt es sogar ein Gesetz. «Ich trage sie nie bei einem Fest wie dem Neujahrsempfang», gibt Jean-Marie Zoellé, Maire von Saint-Louis, zu Protokoll. Der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag, der 11. November und der 8. Mai, die das Ende des Ersten und Zweiten Weltkriegs symbolisieren, sind Daten, an denen ein französischer Maire seine Schärpe trägt – und zwar von rechts nach links über die Schulter oder um die Hüfte geschlungen. Das Blau muss dabei stets oben sein.

Rot oben hingegen tragen die nationalen Abgeordneten wie die Députés und Senatoren, und dies immer quer über die Schulter. Ein Ort wie Rosenau hat sechs Schärpen auf der Mairie. Eine für den Maire und fünf für die Adjoints, die Beigeordneten, die den Maire bisweilen vertreten. Während die Quaste des Maires aus Gold ist, sind diejenigen der Adjoints aus Silber. So ist also stets erkennbar, welche politische Funktion ein Schärpenträger innehat.

Normalerweise dürfen die Schärpen nur auf dem Gebiet der jeweiligen Gemeinde getragen werden. Aber es gibt Ausnahmen. Bei grossen Demonstrationen wie nach den Terrorattacken vom 13. November in Paris oder aus Protest wie gegen die Gebietsreform gehen Maires und nationale Politiker auch mit der Schärpe auf die Strasse.

Besonders ist die Situation in Elsass-Lothringen, wo das Konkordat eine Reihe von Ausnahmeregelungen für die Region vorsieht. «Ich trage bei Hochzeiten auf der Mairie eine Schärpe um den Hals, an der die Marianne hängt», erklärt Jean-Marc Deichtmann, Maire von Huningue. Die Marianne ist die Nationalfigur der Französischen Republik und Symbol für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. «Eine Heirat gilt übrigens als nicht vollzogen, wenn ich die Zeremonie ohne die Schärpe durchführen würde», ergänzt Deichtmann. Die elsässisch-lothringische Version der Schärpe wird im übrigen Frankreich nicht anerkannt.

Die Schärpen werden in der Regel von der Mairie gekauft. «Wenn ein Maire oder Adjoint seine Funktion aufgibt, darf er diese behalten», berichtet Jean-Marie Belliard, seit 40 Jahren Maire von Sierentz. Die Finanzen der Kommunen werden dadurch allerdings kaum belastet. Eine neue Schärpe kostet 60 bis maximal 100 Euro.

Das erste Gesetz zur Schärpe stammt von 1790. Danach geriet das nationale Symbol in Vergessenheit, ehe es mit der III. Republik nach 1848 wieder eingeführt wurde.

Im Unterschied zu den Maires bleibt der Hals vieler deutscher Bürgermeister bei den Neujahrsempfängen nicht leer. Sie tragen eine Amtskette. So macht dies auch Wolfgang Dietz, Oberbürgermeister von Weil am Rhein. An der Kette hängen das Stadtwappen von Weil und die drei Fahnen von Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Die Amtskette wurde vor rund 50 Jahren von den Bürgern der Stadt gespendet und kostete über 5000 D-Mark. Dietz trägt sie nur bei Anlässen im Rathaus oder bei wichtigen politischen Besuchen wie demjenigen des Bundespräsidenten.

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