PHILOSOPHICUM
Nichts und nichts

In unserer Kolumne «Philosophicum gibt zu denken» regen Mitarbeiter des Philosophicums in Basel abwechslungsweise mit Denkanstössen dazu an, Alltägliches oder Besonderes einmal anders zu betrachten.

Nadine Reinert
Nadine Reinert
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Das Nichtstun ist ein Talent, das nicht jedem gegeben ist

Das Nichtstun ist ein Talent, das nicht jedem gegeben ist

Keystone

Kürzlich hörte ich bei einem Podiumsgespräch von einem befreundeten Künstler die Aussage, er schaffe sich möglichst viele Situationen, in denen er nichts zu tun habe, weil er beim Nichtstun auf die besten Ideen komme.

Daraufhin dachte ich mir etwas bitter, dass es aus dieser Perspektive betrachtet um meine Ideen wohl nicht so gut bestellt sei ...

Wann haben Sie denn das letzte Mal nichts getan? Ja, wie geht das denn überhaupt? Irgendetwas tun wir doch immer – und sei es, dass wir eben nichts tun.

Versuchen Sie mal, absichtlich nichts zu tun. Sie werden merken, dass das um einiges schwieriger ist, als Sie gedacht haben, und dass Sie sich selbst wie auch Ihre Umgebung vermutlich noch nie so bewusst wahrgenommen haben wie bei diesem Versuch, nichts zu tun.

Vielleicht meint Nichtstun gar nicht, nichts zu tun, sondern nichts «Bestimmtes» zu tun? Meinen wir mit Nichtstun also die «Unbestimmtheit» unserer Tätigkeit – das noch nicht definierte Tun? In unserem Alltag wissen wir in der Regel immer, was wir tun. Wir haben gewisse Absichten und verfolgen gewisse Ziele und wissen im Voraus, was wir womit erreichen möchten, oder wofür uns eine Handlung oder ein Gespräch dienen soll. Doch Hand aufs Herz: Haben Sie nicht gerade am Abend eines betriebsamen Tages manchmal das Gefühl gehabt, Sie hätten letztlich nichts getan? Das ist doch verrückt: Auch wenn Sie den ganzen Tag eine Sache nach der anderen erledigt haben, stellt sich am Abend ein Gefühl der Leere ein!

Hier das Nichts-getan-Haben als das unbefriedigende Resultat der völligen Betriebsamkeit und dort das Nichtstun als Oase der gedeihenden und wachsenden Ideen und der Inspiration – wie passt das zusammen? Gibt es womöglich nichts und nichts?

Das Nichts einmal als Überbestimmtheit und Absehbarkeit (es ist bis ins kleinste Detail definiert, was wir mit unserem Tun bezwecken und damit kappen wir unser Tun um sein bestes Gut, nämlich etwas Neues entstehen zu lassen) und das Nichts einmal als Unbestimmtheit und Offenheit (wir haben noch keine Ahnung, was wir mit unserem Tun genau bezwecken und sind prinzipiell für alles offen). Beim einen tun wir nur das, für das wir die Sinnfrage schon im Voraus beantwortet haben, und beim anderen tun wir etwas, ohne uns die Sinnfrage vorab zu stellen und erfahren gerade dadurch Sinnhaftes.

Die wohl entscheidende Qualität des schöpferischen Nichtstuns liegt in seiner Absichtslosigkeit. Das Nichtstun verfolgt kein Ziel, das erreicht werden muss. Und so erhält alles, was wir durch das Nichtstun empfangen, den Gestus eines Geschenkes, das uns erfüllt. Auf der anderen Seite haben wir die Absicht, die uns auf ein bestimmtes Ziel einschiesst. Wir wissen im Voraus, worauf wir mit etwas hinauswollen. Und diese Absicht macht schliesslich auch die beste Kür zum Pensum, das wir erledigen.

Wenn wir es schaffen könnten, auch im Alltag den Blick schweifen zu lassen und bereit zu sein, Dinge wahrzunehmen, die wir nicht schon erwartet haben, dann könnte das den Alltag bereichern und uns Ideen dort finden lassen, wo wir nicht schon mit ihnen gerechnet hatten.

Wenn es schon nicht möglich ist, das Tun aus dem Nichtstun auszugrenzen, so müssten wir also versuchen, das Nichtstun in unser Tun einzugliedern.